| Jennifer Evans |
| 09.09.2026 10:30 Uhr |
Süße Versuchungen: Wie Nahrung und Stoffwechsel zusammenhängen, lässt sich auch in den Gemälden der Großen Meister nachvollziehen. / © Städel Museum/Shana Uitz
Wenn Professor Dr. Marc Tittgemeyer vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung auf das Werk »Stillende Gottesmutter« (ca. 1428–1430) des flämischen Malers Meister von Flémalle blickt, sieht er wohl andere Zusammenhänge als viele Besucherinnen und Besucher des Städel Museums.
Ein zentrales Thema in dem Kunstwerk ist für ihn die Muttermilch. Für den Forscher ist sie deshalb so interessant, weil sie im Leben eines Menschen die erste Erfahrung mit Essen darstellt und gleichzeitig für den sozialen Kontakt mit der Mutter steht, ein ebenso prägender Reiz. Neben der Muttermilch gebe es in der Natur kein anderes Lebensmittel, das gleichermaßen besonders reich an Fett und Kohlenhydraten sei, hebt er hervor. »Das wird wahrscheinlich einen Einfluss darauf haben, warum diese Bevorzugung so stark ist und warum die Gehirnnetzwerke entsprechend angelegt sind«, betont er in einem Gastkommentar auf der Museumswebsite.
Diese frühkindliche Prägung erkläre womöglich auch, warum wir oft mehr äßen, als wir bräuchten, so Tittgemeyer. In seinen Augen ist es nämlich kein Zufall, dass Menschen laut einer Studie mehr Aufwandsbereitschaft zeigen, wenn es zum Beispiel um eine Sahnetorte geht, die Fett und Kohlenhydrate kombiniert, als für Nahrungsmittel, die diese Nährstoffe lediglich einzeln enthalten.
Auch ein moderneres Wandbild des Dresdner Künstlers A. R. Penck für die Frankfurter Paulskirche (1987) hat es dem Wissenschaftler angetan. »Es erinnert mich an ritualisiertes Verhalten«, sagt er. Damit meine er, dass etwa bei adipösen Menschen reine Diätmaßnahmen nicht funktionierten und Betroffene Unterstützung bräuchten, um ihre Abläufe nachhaltig zu durchbrechen. Tittgemeyer nennt neben einer Magenverkleinerung auch die sogenannte Abnahmespritze. Ein Ziel der Stoffwechselforschung ist es, die Assoziationen zwischen Körperzustand und Umweltsignal wieder besser aufeinander abzustimmen. Sein Tätigkeitsfeld anhand von Gemälden im Museum zu vermitteln, sei etwas »sehr Ungewöhnliches, aber auch was sehr Bereicherndes und Schönes«, betont er.
Diese und andere Werke sind in der Dauerausstellung des Städel Museums,
Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen.