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LMU München
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Kommunikation als Schlüssel für mehr AMTS

Durch interprofessionelle Lehrformate an der Ludwig-Maximilians-Universität und dem LMU Klinikum in München erhalten Studierende der Pharmazie und der Humanmedizin die Möglichkeit, frühzeitig voneinander zu lernen und ein gemeinsames Verständnis für ihre zukünftige Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Seminare zeigen eindrucksvoll, dass Arzneimitteltherapiesicherheit und patientenorientierte Versorgung nicht nur Fachwissen, sondern vor allem Kommunikation und Zusammenarbeit erfordert.
AutorKontaktMatthias Anzböck
AutorKontaktRebecca Huber
Datum 18.03.2026  08:00 Uhr

Medikationsfehler sind ein relevantes Problem im Gesundheitswesen und eine wichtige Ursache für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW). Etwa 10 Prozent aller Krankenhausaufnahmen weltweit sind auf UAW zurückzuführen, von denen nahezu drei Viertel aller Aufnahmen vermeidbar wären. Ebenso sind UAW während eines stationären Aufenthalts im Krankenhaus mit einem Risiko von etwa 5,5 Prozent keine Seltenheit. Auch hier wäre eine Vielzahl vermeidbar.

Diese Zahlen zeigen, dass die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) im klinischen Alltag von großer Bedeutung ist und dass eine frühzeitige Verankerung in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie Apothekerinnen und Apothekern unerlässlich ist.

Interprofessionelles Lehrkonzept

Ein Aspekt, der in der Lehre häufig unberücksichtigt bleibt, ist die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Medizinern und Pharmazeuten. Gerade im Kontext der AMTS hat die Kommunikation zwischen den beteiligten Gesundheitsberufen eine zentrale Bedeutung. Eine frühzeitige interprofessionelle Ausbildung kann dazu beitragen, Medikationsfehler zu vermeiden und so die AMTS langfristig zu erhöhen.

Vor diesem Hintergrund wurde durch die Apotheke des LMU-Klinikums in Kooperation mit dem Arbeitskreis Klinische Pharmazie des Pharmaziedepartments der LMU erstmals ein interprofessionelles AMTS-Seminar unter der Leitung von Dr. Dorothea Strobach, Dr. Maximilian Günther und Professor Dr. Oliver Scherf-Clavel durchgeführt, an dem Studierende der Humanmedizin und der Pharmazie gemeinsam teilnahmen.

Ziel des Seminars war es, die Studierenden für Risiken im Medikationsprozess zu sensibilisieren und die Bedeutung der AMTS anhand realitäts- und praxisnaher Übungen erfahrbar zu machen. Gleichzeitig sollte der Blick für die Perspektive des jeweils anderen Berufsbildes geschärft und die Bedeutung einer klaren Kommunikation deutlich gemacht werden.

Praxisnahe Patientenfälle

Nach einer kurzen Einführung in die Grundlagen der AMTS wurden den Studierenden fünf fiktive Patientenfälle vorgestellt, welche die Basis für die darauffolgende Gruppenarbeit bildeten. Hierbei bearbeiteten die Teilnehmenden in interprofessionell zusammengesetzten Kleingruppen jeweils einen von fünf essenziellen Bereichen der AMTS. Hierzu zählen Arzneimittelinteraktionen, Nieren- und Leberinsuffizienz, Kompatibilitäten und Inkompatibilitäten bei intravenöser Therapie sowie die Applikation von Arzneimitteln über Ernährungssonden. Jede Gruppe erhielt zu jeweils einem dieser Bereiche eine oder mehrere Fragestellungen, die anschließend anhand der Patientenfälle gemeinsam gelöst werden sollten.

Die Teilnehmenden wurden dabei dazu angeregt, ihre eigene fachliche Perspektive in die Bearbeitung der Aufgabe mit einzubringen und unterschiedliche Standpunkte zu diskutieren. Gegenseitiges Nachfragen und Erklären führte dazu, dass die Studierenden nicht nur selbst etwas lernten, sondern ihr Wissen auch an die jeweils andere Profession weitergeben konnten.

Diese Art der interprofessionellen Zusammenarbeit ermöglichte eine differenzierte Betrachtung der Patientenfälle und bildet eine wichtige Grundlage für eine klare und wertschätzende Kommunikation im späteren Berufsalltag.

Nachdem die Gruppen ihre Lösungsvorschläge erarbeitet hatten, wurden diese anschließend im Plenum präsentiert. Somit erhielten auch die anderen Teilnehmenden die Möglichkeit, alternative Lösungsvorschläge einzubringen und den Fall zu diskutieren. Ergänzend vertiefte die Seminarleitung nach jeder Vorstellung der Gruppenarbeit die jeweils behandelten Inhalte und gab praxisnahe Einblicke in den klinischen Alltag.

Nach der erfolgreichen Durchführung der Auftaktveranstaltung wird das Seminar nun zukünftig regelmäßig angeboten und stetig weiterentwickelt.

Seminar zu Fehlerkultur

Wo Therapien geplant und durchgeführt werden, passieren auch immer Fehler. Um den Umgang mit Fehlern jeder Art und Medikationsfehlern ging es in einem zweiten interprofessionellen Seminar. Ziel war es, Studierende der Pharmazie und der Humanmedizin für die Bedeutung einer offenen Fehlerkultur zu sensibilisieren und den konstruktiven Umgang mit Fehlern zu vermitteln. Eine Ausweitung auf Angehörige und Auszubildende der Pflegeberufe ist geplant.

Im Seminar wurden sowohl Grundlagen der interprofessionellen Fehlerkommunikation als auch Häufigkeit, Arten und Auswirkungen von Fehlern in der medizinischen Versorgung thematisiert. Anhand praxisnaher Fallbeispiele wurde deutlich, dass Fehler häufig an Schnittstellen entstehen und weniger auf individuelles Fehlverhalten als auf systemische Faktoren und Kommunikationsdefizite zurückzuführen sind.

Durch gemeinsame Diskussionen und Übungen wurde trainiert, Fehler sachlich, transparent und lösungsorientiert im interprofessionellen Team zu kommunizieren. Das Seminar wurde pharmazeutisch von Professor Dr. Oliver Scherf-Clavel und ärztlich von Dr. Maria Burian, Oberärztin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am LMU Klinikum München, sowie von der Pflegewissenschaftlerin Birgit Wershofen vom Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin des LMU Klinikums betreut. Es leistet damit einen nachhaltigen Beitrag zur Etablierung einer gelebten Fehlerkultur und zur Verbesserung der Patientensicherheit in der pharmazeutischen Praxis.

Ergebnisse der Evaluation

Die im Anschluss durchgeführten studentischen Evaluationen fielen sehr positiv aus. Neben der als wertschätzend und konstruktiv wahrgenommenen Lernatmosphäre wurden insbesondere die Offenheit für Fragen und Diskussionsbeiträge sowie die strukturierte Moderation hervorgehoben. Die Teilnehmenden berichteten zudem, durch die gemeinsame Bearbeitung von Fallbeispielen ein vertieftes Verständnis für Problemfelder in der Arzneimitteltherapie und für therapeutische Entscheidungsprozesse entwickelt zu haben.

Als besonders bereichernd wurde die interaktive Ausgestaltung der Seminare im Rahmen der Gruppenarbeiten erlebt, die einen intensiven Austausch ermöglichte. Der direkte Dialog mit der jeweils anderen Profession wurde dabei als wertvolle Gelegenheit beschrieben, Einblicke in unterschiedliche fachliche Perspektiven, Verantwortlichkeiten und Herangehensweisen zu gewinnen und so das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Aufgrund der Vielzahl an positiven Rückmeldungen sind die beiden Seminare inzwischen dauerhaft in das Curriculum der Klinischen Pharmazie an der LMU München integriert.

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