| Sven Siebenand |
| 17.07.2026 18:00 Uhr |
Neben dem besseren Zugang zum Krankenhaus und einem besseren Wissen in den Kliniken ist es laut Kreuels auch entscheidend, dass die entsprechenden Medikamente vorrätig sind. Der Bedarf an Gegengiften ist da, verfügbar sind sie aber oft nicht. Es sei sehr problematisch, dass bereits seit rund zehn Jahren das wichtigste Kombinationspräparat Fav-Afrique nicht mehr verfügbar ist und die Produktion eingestellt wurde. So müsse man in Afrika auch auf teure Gegengifte aus Indien ausweichen, die aber nicht unbedingt geeignet seien.
»Der Umgang mit den Antiseren ist komplex«, so der Mediziner. Behandler müssten wissen, gegen welche Gifte sie helfen und in welcher Konzentration sie vorliegen. Last, but not least ist es natürlich essenziell zu wissen, was für eine Schlange zugebissen hat.
Neben der mangelhaften Verfügbarkeit von Antiseren und den hohen Kosten gibt es noch weitere Probleme. Manche Patienten vertragen sie nicht und reagieren mit schweren allergischen Reaktionen, weil es Fremdproteine sind, die meist aus Schafen oder Pferden gewonnen werden. Hinzu kommt der Aufwand bei der parenteralen Gabe.
Ein neuer Ansatz sind Nanobody-basierte Antivenome. Sie könnten vor dem Gift mehrerer Schlangenarten in Afrika schützen. Diese Nanobodies können humanisiert hergestellt werden, sodass das Allergiepotenzial deutlich geringer ausfällt. Zudem dürfte ihre Produktion deutlich günstiger sein.
Einen ganz anderen Ansatz stellen laut Kreuels Hemmstoffe gegen Metalloproteinasen dar. Sie wären oral verfügbar und böten auch kein Allergiepotenzial.
Bei vielen Viperngiften gehören die wichtigsten krankheitsauslösenden Bestandteile zu den Snake Venom Metalloproteinasen (SVMP). Diese Enzyme zerstören Blutgefäße, verursachen Blutungen, fördern Gewebsnekrosen und tragen zu Gerinnungsstörungen bei. Wie Kreuels informierte, blockieren Wirkstoffe wie Unithiol und das ursprünglich als Krebsmedikament entwickelte Marimastat SVMP direkt, indem sie deren katalytisches Zink binden und dadurch die enzymatische Aktivität unterdrücken.
Unithiol wird bereits zur Behandlung von Schwermetallvergiftungen eingesetzt, taugt aber offenbar auch als Mittel bei Schlangenbissvergiftungen. Es gibt vielversprechende Phase-I-Ergebnisse. Kreuels informierte, dass Phase-II-Studien in Brasilien und Ghana gestartet sind.
Gegenüber der PZ erklärt der Experte, dass es in diesen Studien insbesondere um die Westafrikanische Sandrasselotter (Echis ocellatus) und um die Gewöhnliche Lanzenotter (Bothrops atrox) geht. Diese beiden Giftschlangen sind für besonders viele Schlangenbissvergiftungen und Todesfälle verantwortlich. Es gebe noch weitere Spezies, bei denen diese Mittel helfen könnten, so Kreuels. Die klinische Erprobung werde aber noch einige Jahre dauern. Kreuels hofft, dass es dann neue Medikamente gegen Schlangenbissverletzungen geben wird.