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Schlangenbisse
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Knappe Gegengifte, innovative Hoffnungsträger

Die Zahl der Todesfälle durch Schlangenbissvergiftungen liegt wahrscheinlich deutlich höher als bislang geschätzt. Experten warnen zudem vor einem Mangel an wirksamen Gegengiften – und setzen Hoffnungen auf neue Antivenome sowie oral verfügbare Wirkstoffe.
AutorKontaktSven Siebenand
Datum 17.07.2026  18:00 Uhr

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Schlangenbissvergiftungen bereits 2017 auf die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Disease, NTD) gesetzt. Die WHO geht von bis zu 138.000 Todesfällen jährlich aus.

Bei einer Presseveranstaltung des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten in Berlin betonte Dr. Benno Kreuels vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, dass diese Zahl sehr wahrscheinlich massiv unterschätzt ist. Laut dem Leiter der Arbeitsgruppe »Vernachlässigte Krankheiten und Vergiftungen« wird in einem neuen Review eine geschätzte Zahl von rund 270.000 Todesopfern pro Jahr zu lesen sein.

Besonders betroffen seien ländliche Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. »Gebissene suchen dort häufig kein Krankenhaus auf, weil sie das Problem entweder unterschätzen oder weil sie es gar nicht bis zum Krankenhaus schaffen«, sagte Kreuels. Erreichen die Patienten ein Krankenhaus, ist aber längst noch nicht alles gut. Ärzte und Pflegepersonal wüssten oft gar nicht, was zu tun ist, so Kreuels. Das gelte längst nicht nur für Deutschland, wo Schlangenbissvergiftungen sehr selten sind (Kasten). Auch in afrikanischen oder asiatischen Hospitälern sei das medizinische Personal häufig nicht gut mit der Behandlung von Schlangenbissvergiftungen vertraut.

Kreuels machte auch darauf aufmerksam, dass nicht jeder Biss einer Giftschlange giftig ist und manchmal nicht das Toxin das Problem darstellt, sondern das Fremdprotein, das zu einem anaphylaktischen Schock führen kann. Das sei vor allem bei Schlangenhaltern ein Thema, so Kreuels auf Nachfrage der PZ. »Insbesondere spielen hier die Speikobras eine Rolle, da die Exposition durch das Speien im Gehege deutlich höher ist.«

Auch aufgrund des Allergierisikos bewertet Kreuels die Selbstversuche des US-Schlangenexperten Timothy Friede als nicht nachahmenswert. Friede hat sich über Jahre von giftigen Schlangen beißen lassen, um eine Immunität gegen deren Gifte aufzubauen. Dieses Selbstexperiment machte ihn weltweit bekannt und zog das Interesse von Wissenschaftlern auf sich. Forschende untersuchten daraufhin sein Blut und fanden Antikörper, die bei der Entwicklung eines Breitband-Gegengifts gegen verschiedene Schlangengifte helfen könnten.

Das Antiseren-Dilemma

Neben dem besseren Zugang zum Krankenhaus und einem besseren Wissen in den Kliniken ist es laut Kreuels auch entscheidend, dass die entsprechenden Medikamente vorrätig sind. Der Bedarf an Gegengiften ist da, verfügbar sind sie aber oft nicht. Es sei sehr problematisch, dass bereits seit rund zehn Jahren das wichtigste Kombinationspräparat Fav-Afrique nicht mehr verfügbar ist und die Produktion eingestellt wurde. So müsse man in Afrika auch auf teure Gegengifte aus Indien ausweichen, die aber nicht unbedingt geeignet seien.

»Der Umgang mit den Antiseren ist komplex«, so der Mediziner. Behandler müssten wissen, gegen welche Gifte sie helfen und in welcher Konzentration sie vorliegen. Last, but not least ist es natürlich essenziell zu wissen, was für eine Schlange zugebissen hat.

Neben der mangelhaften Verfügbarkeit von Antiseren und den hohen Kosten gibt es noch weitere Probleme. Manche Patienten vertragen sie nicht und reagieren mit schweren allergischen Reaktionen, weil es Fremdproteine sind, die meist aus Schafen oder Pferden gewonnen werden. Hinzu kommt der Aufwand bei der parenteralen Gabe.

Ein neuer Ansatz sind Nanobody-basierte Antivenome. Sie könnten vor dem Gift mehrerer Schlangenarten in Afrika schützen. Diese Nanobodies können humanisiert hergestellt werden, sodass das Allergiepotenzial deutlich geringer ausfällt. Zudem dürfte ihre Produktion deutlich günstiger sein.

Metalloproteinase-Hemmer in Studien

Einen ganz anderen Ansatz stellen laut Kreuels Hemmstoffe gegen Metalloproteinasen dar. Sie wären oral verfügbar und böten auch kein Allergiepotenzial.

Bei vielen Viperngiften gehören die wichtigsten krankheitsauslösenden Bestandteile zu den Snake Venom Metalloproteinasen (SVMP). Diese Enzyme zerstören Blutgefäße, verursachen Blutungen, fördern Gewebsnekrosen und tragen zu Gerinnungsstörungen bei. Wie Kreuels informierte, blockieren Wirkstoffe wie Unithiol und das ursprünglich als Krebsmedikament entwickelte Marimastat SVMP direkt, indem sie deren katalytisches Zink binden und dadurch die enzymatische Aktivität unterdrücken.

Unithiol wird bereits zur Behandlung von Schwermetallvergiftungen eingesetzt, taugt aber offenbar auch als Mittel bei Schlangenbissvergiftungen. Es gibt vielversprechende Phase-I-Ergebnisse. Kreuels informierte, dass Phase-II-Studien in Brasilien und Ghana gestartet sind.

Gegenüber der PZ erklärt der Experte, dass es in diesen Studien insbesondere um die Westafrikanische Sandrasselotter (Echis ocellatus) und um die Gewöhnliche Lanzenotter (Bothrops atrox) geht. Diese beiden Giftschlangen sind für besonders viele Schlangenbissvergiftungen und Todesfälle verantwortlich. Es gebe noch weitere Spezies, bei denen diese Mittel helfen könnten, so Kreuels. Die klinische Erprobung werde aber noch einige Jahre dauern. Kreuels hofft, dass es dann neue Medikamente gegen Schlangenbissverletzungen geben wird.

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