Pharmazeutische Zeitung online
Covid-19

Keine Untererfassung der Sterberate in Deutschland

Die Sterberate an der durch SARS-CoV-2 verursachten Krankheit Covid-19 ist in Deutschland vergleichsweise niedrig. Woran das genau liegt, ist momentan noch nicht geklärt. Ein Fehler in der Statistik ist es aber definitiv nicht.
Annette Mende
25.03.2020
Datenschutz bei der PZ

Die Covid-19-Fallzahlen nehmen international und auch in Deutschland weiter zu. Bis zum 25. März 2020 um 0 Uhr wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) insgesamt 31.554 Fälle offiziell gemeldet. Das ist eine Zunahme gegenüber dem Vortag um 4118 Fälle. 149 Menschen sind bislang an der Erkrankung gestorben, 35 mehr als am Vortag. Diese Zahlen nannte heute RKI-Präsident Professor Dr. Lothar Wieler in Berlin. Von den Infizierten seien nach Schätzungen des RKI mittlerweile mindestens 5600 wieder genesen.

Die Gesamtinzidenz betrage momentan in Deutschland 38 pro 100.000 Einwohner, sagte Wieler. Sie variiere allerdings von Bundesland zu Bundesland. So gebe es derzeit beispielsweise in Hamburg 69 Fälle pro 100.000 Einwohner, in Bayern 50 und in Mecklenburg-Vorpommern 14. »Die Infizierten sind in Deutschland im Durchschnitt 45 Jahre alt, die Verstorbenen im Durchschnitt 81«, informierte Wieler. Männer waren mit 55 Prozent der Infizierten leicht häufiger betroffen als Frauen. Für 22.581 Fälle lägen zusätzliche klinische Informationen vor. 

Er werde oft gefragt, warum in Deutschland die Sterberate verglichen mit anderen Ländern so gering sei, sagte Wieler. »Wir wissen nicht genau, warum das der Fall ist.« Es sei jedenfalls keine Untererfassung, betonte der RKI-Präsident. Mehrere Faktoren spielten vermutlich eine Rolle: Durch die breite Testung bereits von Beginn der Epidemie an würden hierzulande auch viele milde Fälle entdeckt. »Das sehen Sie unter anderem daran, dass mehr als 50 Prozent der Infizierten Husten haben und rund 40 Prozent Fieber.« Außerdem seien in Deutschland bislang noch nicht so viele alte Menschen erkrankt. Bekanntermaßen steigt mit dem Alter das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung.

Das muss aber nicht so bleiben. »Ich möchte noch einmal betonen: Wir befinden uns am Anfang der Epidemie. Es ist noch völlig offen, wie sie sich weiterentwickelt. Und natürlich wird auch in Deutschland die Anzahl der Todesfälle steigen«, sagte Wieler.

Änderung der Empfehlungen für Tests

Da sich der Erreger immer weiter ausbreitet, hat das RKIdie Empfehlungen angepasst, nach denen Ärzte Verdachtsfälle testen sollen. Nach wie vor sollen nur symptomatische Personen getestet werden. Das Kriterium, dass ein Verdachtsfall in einem Risikogebiet gewesen sein muss, entfällt aber. »Es ist eine Pandemie. Da macht es irgendwann keinen Sinn mehr, nach einzelnen Gebieten zu unterscheiden«, begründete Wieler diesen Schritt.

Er gehe davon aus, dass die Änderung helfen werde, Ressourcen für Tests gezielter einzusetzen. »Denn natürlich haben wir nicht so viele Tests, dass man die einfach sinnlos einsetzen kann.« Patienten, die nur mild erkrankt seien und wegen fehlender Kapazitäten aktuell nicht getestet werden könnten, sollten bitte einfach zu Hause bleiben und den Kontakt zu anderen meiden. Das RKI hat Verhaltensregeln für sie und Betroffene mit bestätigter SARS-CoV-2-Infektion sowie die Menschen in ihrem Haushalt in einem Flyer zusammengefasst.

Die RKI-Zahlen liegen teilweise deutlich unter denen anderer Quellen, etwa der US-amerikanischen Johns Hopkins Universität. Auf diese Differenz angesprochen, sagte Wieler: »Wir berufen uns auf offizielle Meldezahlen. Das ist etwa so wie das amtliche Ergebnis bei einer Wahl. Das ist verglichen mit den Hochrechnungen genauer und dafür braucht es ein wenig länger.«

Es sei erkennbar, dass weiter viele Fälle gemeldet werden. Ob die ergriffenen Maßnahmen wie Kontaktverbot und Ausgangssperren greifen, müsse abgewartet werden. »Im Moment ist es zu früh, um diese Aussagen schon belastbar treffen zu können«, sagte Wieler.

Mehr von Avoxa