| Ev Tebroke |
| 19.06.2026 11:30 Uhr |
Medikament nicht lieferbar? Exklusive Rabattverträge gefährden die Versorgungssicherheit, deshalb hat die Politik solche Verträge für Biosimilars verboten. Für versorgungskritische Generika sind sie jedoch erlaubt. / © FUNKE Foto Services
Bei Biosmililars sind exklusive Rabattverträge verboten. Ziel der jüngst im Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) verfügten Regelung ist es, »die Versorgungssicherheit mit diesen Präparaten auch künftig zu gewährleisten«, wie es im Gesetz heißt. Denn Fakt ist, die durch solche Verträge ausgelösten Unterbietungswettbewerbe, bei denen nur der günstigste Anbieter den Zuschlag erhält und alle anderen leer ausgehen, führen in der Regel letztlich zu einer Marktverengung, was wiederum Lieferengpässe begünstigt. Diese Fehlentwicklung hat sich in den zurückliegenden Jahren im Generika-Markt deutlich gezeigt.
Die Regierung hat die Problematik offenbar erkannt und bei den Biosimilars gesetzlich gegengesteuert: Exklusiv-Rabattverträge sind befristet für 2 Jahre verboten. Dann soll eine Evaluierung folgen. Die Generika-Industrie fordert in logischer Konsequenz entsprechendes politisches Handeln nun endlich auch für versorgungskritische Generika – also für Mittel gegen Brustkrebs, Diabetes oder bakterielle Infektionen. Denn in diesem Bereich gab es immer wieder erhebliche Versorgungsengpässe, nicht zuletzt aufgrund einer großen Abhängigkeit von China und/oder Indien.
Der Branchenverband Pro Generika nennt vier Beispiele, anhand derer die Rabattproblematik deutlich wird: das Brustkrebsmedikament Tamoxifen, das Angstlösemittel Lorazepam, das Diabetesmittel Metformin sowie das Antibiotikum Amoxicillin.
Tamoxifen, eines der meisteingesetzten Medikamente in der Brustkrebstherapie, war 2022 über Monate nicht ausreichend lieferbar. Sandoz habe damals mittels einer Sonderproduktion in Sachsen-Anhalt dazu beigetragen, die Versorgung zu retten. Da die Kassen weiterhin auf Exklusiv-Ausschreibungen setzten, verkauft Sandoz nach eigenen Angaben nun nach Brasilien, da sich die Preise hierzulande nicht rechnen. »Nur so lässt sich die Produktion wirtschaftlich betreiben«, so Thomas Weigold, Chef von Sandoz Deutschland. Insgesamt hat sich die Zahl der Hersteller nach Angaben von Pro Generika von 19 im Jahr 2006 auf aktuell 3 reduziert.
Auch beim Präparat Lorazepam teilen sich lediglich drei Hersteller den Markt. Pro Tablette erhalte der Hersteller circa 8 Cent. Darauf müsse er noch Rabatt gewähren. Das schreckt neue Anbieter ab. Dementsprechend hoch sei das Risiko eines Versorgungsengpasses.
Beim Wirkstoff Metformin gibt es laut Branchenverband ebenfalls eine bedenkliche Marktverengung: Von ehemals 40 Herstellern im Jahr 2011 sind heute noch 5 übrig. Der Wirkstoff ist hierzulande in der Versorgung sehr relevant: Etwa zehn Millionen Mal wird das Medikament jährlich in Deutschland verordnet.
Derzeit stehe das Diabetesmittel zwar nicht auf der Liste versorgungskritischer Medikamente, aber das System sei sehr fragil, wie Josip Mestrovic, General Manager vom Hersteller Zentiva verdeutlicht: »Metformin haben wir früher in Europa produziert – das ist heute nicht mehr möglich. Exklusive Ausschreibungen zwingen uns zu Rabatten von bis zu 90 Prozent. Zu diesen Preisen lässt sich in Europa nicht produzieren.« Nur weil das Unternehmen mehr als die Hälfte des Marktes beliefere, rechne sich die Produktion überhaupt noch – »aber eben nur in Indien. Und auch dort arbeiten wir an der Grenze des Machbaren«.
Eine bedenkliche Situation herrscht auch im Bereich Antibiotika-Herstellung: Hier dominiert China den Markt. Bei Amoxicillin, laut Pro Generika eines der wichtigsten Antibiotika überhaupt, gibt es mit Sandoz nur noch einen einzigen Hersteller in Europa. Gerade bei Antibiotika wie Amoxicillin spitze sich die Lage durch Ausschreibungen zu, die ausschließlich auf den günstigsten Preis setzen. »Wir können kaum noch kostendeckend produzieren«, erklärt Thomas Weigold, Country President Sandoz Germany.
Vor diesem Hintergrund appelliert die Generika-Branche an die Politik, das Verbot exklusiver Rabattverträge auf alle versorgungskritischen Arzneimittel auszuweiten. Und zwar für mindestens fünf Jahre. Dabei setzt sie auf die kommende Pharmastrategie der Bundesregierung. Dies sei der richtige Rahmen dafür.
Dass ein Verbot von Exklusivausschreibungen funktioniert, um Lieferengpässen vorzubeugen, zeigte zuletzt das Beispiel der Kinderarzneimittel. Vor drei Jahren waren Fiebersäfte und Antibiotika immer wieder nicht oder nur schwer lieferbar. Mit dem ALBVVG (Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz) wurden dann 2023 exklusive Rabattverträge verboten. Laut Pro Generika kamen in Folge wieder mehr Hersteller und neue Präparate auf den Markt – Lieferengpässe gibt es seitdem nicht mehr.