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Psychische Beschwerden und Tourette

Keine Evidenz für Cannabis

Für die Gabe von Cannabis bei psychiatrischen Erkrankungen und bei Tourette-Syndrom reicht die Evidenz momentan hinten und vorne nicht. Da mit möglichen Nebenwirkungen mehr Schaden als Nutzen angerichtet werden kann, sehen die Autoren einer aktuellen Metaanalyse den Einsatz kritisch.
Annette Mende
29.10.2019
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Bei der jetzt im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« erschienenen Arbeit handelt es sich laut Angaben der Autoren um Dr. Nicola Black und Dr. Emily Stockings vom australischen nationalen Forschungszentrum für Drogen und Alkohol um die bislang umfassendste Analyse von Untersuchungen zur Wirkung von Medizinalcannabis bei folgenden Erkrankungen: Depression, Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Tourette-Syndrom, posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) und Psychose. Berücksichtigt wurden 83 veröffentlichte und unveröffentlichte Studien aus den Jahren 1980 bis 2018 mit insgesamt 3000 Teilnehmern. Verwendet worden war darin unter anderem medizinisches Cannabis, häufiger aber die Reinsubstanz Tetrahydrocannabinol (THC) mit oder ohne Cannabidiol (CBD).

In sieben Studien mit insgesamt 252 Teilnehmern hatten die Probanden Cannabis primär zur Behandlung anderer Beschwerden wie nicht tumorbedingte chronische Schmerzen oder Multiple Sklerose erhalten, die psychische Gesundheit war aber mit erfasst worden. In diesen Studien führte Cannabis insgesamt zu einer Besserung von Angststörungen, die jedoch aus Sicht der Autoren auf einer Besserung der zugrundeliegenden körperlichen Erkrankung beruht haben könnte. Um in diesem Punkt Klarheit zu erlangen, regen sie weitere Studien an, die den Effekt von Cannabis auf Angststörungen und Depression untersuchen sollten.

Einen schädlichen Effekt von Cannabis gab es bei Schizophrenie: Negativsymptome der Psychose nahmen zu. Bei keiner anderen untersuchten Erkrankung war ein signifikanter Einfluss nachweisbar. Allerdings hatten unter der Anwendung von Cannabis über alle untersuchten Indikationen hinweg mehr Patienten Nebenwirkungen und es kam häufiger zu Therapieabbrüchen aufgrund von Nebenwirkungen.

Das Pferd von hinten aufgezäumt

Insgesamt bezeichnen die Autoren sowohl die Quantität als auch die Qualität der verfügbaren Daten für Cannabis bei den genannten Erkrankungen als niedrig. Vor diesem Hintergrund bemängelt Professor Dr. Deepak Cyril D'Souza von der Yale Universityin einem begleitenden Kommentar, dass die Droge in diesen Indikationen überhaupt verwendet wird: In der modernen Medizin müssten in klinischen Studien erst die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit gezeigt sein, bevor ein Wirkstoff breit angewendet wird. Im Fall von Cannabis habe man das Pferd von hinten aufgezäumt und die Anwendung vor die Prüfung gestellt. Die klinischen Studien müssten nachgeholt und das Arzneimittel dann demselben Zulassungsprozess unterzogen werden wie andere Wirkstoffe.

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