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Erste Hilfe

Keine Angst vor Defibrillatoren!

Sie hängen in öffentlichen Gebäuden, bleiben oft unbeachtet und können doch Leben retten: Defibrillatoren kommen nur selten zum Einsatz. Wie lässt sich das ändern?
PZ/dpa
03.05.2019
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Ob an Bahnhöfen, in Banken oder Einkaufszentren – es gibt immer mehr Defibrillatoren in Deutschland, einen kompletten Überblick hat aber niemand. Die größte Datenbank verzeichnet einen Zuwachs von mehreren Tausend Geräten pro Jahr. Doch sie sind deutlich zu unbekannt, werden nur selten genutzt. Hinzu kommt die Hemmschwelle bei Laien, die Geräte im Notfall auch einzusetzen. Die Geräte seien jedoch so konzipiert, dass jeder sie ohne Vorkenntnisse einsetzen könne, so das Deutsche Rote Kreuz (DRK).

Laut dem Statistischen Bundesamt starben 2016 über 300.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Es ist mit Abstand die häufigste Todesursache in Deutschland. Defibrillatoren sind laut DRK das effektivste Mittel, das Ersthelfern zur Verfügung steht.

Der Defibrillator, kurz Defi, kommt bei plötzlich eintretenden Herzrhythmusstörungen zum Einsatz. Wenn der Kreislauf zusammenbricht, versucht das Herz dies mit einer hohen Schlagfrequenz auszugleichen, erklärt Christian Hensel vom DRK-Landesverband Sachsen-Anhalt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der Defibrillator beendet dieses sogenannte Herzflimmern mit einem Stromstoß. «Das Herz wird auf Null gesetzt», so Hensel. Nun haben Herzdruckmassage und Beatmung eine wesentlich höhere Chance, den Patienten zu reanimieren. «Der Defi bringt nur in Kombination mit einer Herzdruckmassage etwas», sagt Hensel. Aus diesem Grund solle auch nur der Zweithelfer den Defi holen.

Überlebenschance steigt deutlich

Das öffentliche Interesse an dem Thema habe in den letzten Jahren nachgelassen, beklagt Professor Dr. Hans-Joachim Trappe. Zu unrecht findet der Mediziner, denn die Chance auf eine erfolgreiche Wiederbelebung beim rechtzeitigen Einsatz eines Defis liege bei etwa 55 Prozent, ohne das Gerät seien es nur rund 8 Prozent.

Der Kardiologe an der Ruhr-Universität in Bochum hat die Nutzung öffentlicher Defibrillatoren in verschiedenen Studien untersucht. Zwischen 2003 und 2015 hat Trappe etwa ein Projekt am Frankfurter Flughafen betreut. Bei den mehr als 500 Millionen Besuchern in diesem Zeitraum kamen die Schockgeber in gerade einmal 25 Fällen zum Einsatz. «Das Problem ist noch nicht gelöst. Trotz aller Bemühungen ist die Zahl der Tode durch Herzversagen relativ konstant», sagt Trappe.

Dass die Defis nicht so effektiv sind, wie erhofft, hat laut Trappe vor allem zwei Gründe: Zum einen kann man nicht vorhersagen, wo plötzliche Herztode auftreten. Der optimale Ort für einen Defibrillator ist folglich schwer zu bestimmen. Zum anderen wissen viele Menschen nicht, wo sie im Notfall einen Defi finden oder haben Angst, ihn einzusetzen. Dagegen helfe nur, zu informieren, so Trappe.

Tatsächlich gibt es bundesweit weder ein einheitliches Kataster noch eine Meldepflicht für Defis. Der gemeinnützige Verein Definetz versucht hier Abhilfe zu schaffen. Mit etwa 26.000 registrierten Geräten verfügt er über die nach eigenen Angaben umfangreichste Datenbank in Deutschland (auch als DefiApp verfügbar). Die Daten recherchieren die Mitarbeiter größtenteils selbst, sagt der Vorsitzende Friedrich Nölle. Die Zahl nicht erfasster Defibrillatoren sei daher immer noch sehr hoch. Grundsätzlich gebe es aber den starken Trend zu mehr öffentlichen Schockgeräten in Deutschland. Es lohne sich, die Augen im eigenen Lebensumfeld offen zu halten, empfiehlt Nölle.

Einen schnellen Überblick über Defis in der Nähe ermöglicht zum Beispiel auch die Notfall-App des DRK. Die greift auf eine eigens erstellte Datenbank zurück. Hier wird auf einer Karte der nächste erfasste Defi abhängig vom eigenen Standort angezeigt. Sanitäter sagen: «Den einzigen Fehler, den man machen kann, ist nichts zu machen.»

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