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Kurzlebige Plasmazellen

Kein langanhaltender Schutz nach Influenza-Impfung

Grippespezifische Antikörper-produzierende Plasmazellen, die nach einer Impfung entstehen, überdauern offenbar nur einige Monate, wie eine »Science«-Publikation zeigt. Das scheint mit ein Grund zu sein, warum man sich jedes Jahr neu gegen Grippe impfen lassen muss.
Theo Dingermann
11.09.2020  10:00 Uhr

Ein idealer Impfstoff sollte möglichst lange vor einer Infektion schützen und die meisten eingesetzten Impfstoffe erreichen diese Vorgabe auch. Eine Ausnahme bilden die Influenza-Impfstoffe. Bisher galt die Mutationsfreudigkeit der Viren als Hauptproblem. Um das jährliche Impfen gegen die aktuellen Grippeviren-Stämme zu vermeiden, wird daher seit Langem an universellen Influenza-Impfstoffen gearbeitet. Diese sollten im Idealfall eine schützende Immunantwort induzieren, die nicht nur vor bestimmten Influenza-Stämmen schützt und lang anhält.

Wie lang eine Immunantwort nach einer Grippeimpfung besteht, untersuchten Wissenschaftler um Dr. Carl W. Davis von der Emory University in Atlanta. Sie analysierten hierfür die Produktion und Persistenz von Knochenmark-Plasmazellen (Bone Marrow Plasma Cells, BMPC), die den größten Teil des gesamten Serum-IgG produzieren. Entsprechend eng korrelieren die Gesamt- und Antigen-spezifischen Serum-Antikörperspiegel mit den BMPC-Zahlen beim Menschen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden im August im Fachjournal »Science« publiziert.

Zahl der Knochenmark-Plasmazellen sinkt wieder

Das Team bestimmte die BMPC-Konzentrationen bei 53 Freiwilligen, die zwischen 2009 und 2018 einen inaktivierten Grippeimpfstoff erhalten hatten. Ein Teil der Probanden nahm über mehrere Jahre an der Studie teil. Diese wurden als getrennte Fälle behandelt, sodass insgesamt 75 Impfstoff-Reaktionen untersucht werden konnten.

Den Teilnehmern wurde am Tag der Impfung (Tag 0) und an den Tagen 7, 14, 28 und 90 nach der Impfung eine Blutprobe entnommen. Zusätzlich spendeten die Probanden an den Tagen 0 und 28 Knochenmark. Ein Teil der Probanden spendete nach circa einem Jahr erneut Blut und Knochenmark.

Die grippespezifische Immunität wurde mithilfe von durch ELISpot-Tests an Plasmazellen bestimmt, die aus den Knochenmarkaspiraten angereichert worden waren. Der mittlere Prozentsatz an IgG-sezernierenden BMPC, die grippespezifische Antikörper produzierten, betrug vor der Impfung 0,8 Prozent. Über die gesamte Kohorte hinweg korrelierte der Prozentsatz der Influenza-spezifischen IgG-positiven BMPC mit den Influenza-spezifischen IgG-Bluttitern.

Danach wurde geschaut, ob die Impfung gegen die saisonale Grippe die Bildung neuer grippespezifischer BMPC induzierte. Tatsächlich stieg die Konzentration der Influenza-spezifische BMPC bis zum Tag 28 nach der Impfung signifikant auf 1,9 Prozent der IgG-produzierenden BMPC an.

Zur Überprüfung der Persistenz grippespezifischer BMPC wurden schließlich Knochenmarkproben durchschnittlich 325 Tage nach der Impfung analysiert. Hier zeigte sich, dass der Prozentsatz der Influenza-spezifischen BMPC zwischen dem 28. Tag und der späten Probe signifikant abnahm und sich nach einem Jahr wieder dem Zellniveau vor der Impfung annäherte.

Der Rückgang betraf tatsächlich nur die BMPC, die als Antwort auf die Impfung gebildet worden waren. Die Konzentration bereits vorhandener BMPC, die Antikörper produzieren, die nicht gegen Influenza-Viren gerichtet sind, nahm hingegen nicht ab. Somit deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die meisten der durch die Grippeimpfung bei Erwachsenen erzeugten BMPC nur relativ kurzlebig sind.

Die Resultate sind ungünstig für die Aussichten auf einen Universalimpfstoff gegen Grippe. Denn dieser sollte ja den Vorteil bringen, nicht jedes Jahr neu gegeben werden zu müssen. Dieses Ziel wäre jedoch nur erreichbar, wenn der Impfstoff einen langanhaltenden Infektionsschutz sicherstellen und nicht nur das Problem der großen Stammvariabilität überkommen würde. 

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