| Alexandra Amanatidou |
| 25.06.2026 19:41 Uhr |
KBV-Vorständin Sibylle Steiner hält nichts von Telemedizin in Apotheken. / © Tagesspiegel/Screenshot
Obwohl sie im Publikum saß, fühlte sich Anke Rüdinger, die Vorsitzende des Berliner Apotheker-Vereins, verpflichtet, ihre Meinung zur assistierten Telemedizin zu äußern. Denn genau das war Thema der Panel-Diskussion »Die Säulen einer digitalen Primärversorgung – Wie gelingt der deutsche Systemwandel?«.
»Überflüssig« sei das ab Juli mögliche Angebot, so Steiner. »Und es wird nicht funktionieren«, fügte sie hinzu. Allein das Setting in den Apotheken sei dafür nicht geeignet. Denn auch dafür seien die richtigen Räume und ein Termin notwendig. »Damit die Apotheker das iPad bedienen, sehe ich in unserem System keinen Bedarf.«
Bei der assistierten Telemedizin geht es im Kern um die assistierte Inanspruchnahme einer Videosprechstunde in Apotheken oder ein strukturiertes Ersteinschätzungsverfahren zur Feststellung der Eignung für die Videosprechstunde.
Reiner Kern von Doc Morris war gleicher Meinung. Es sehe nach einer »eklektizistischen Maßnahme« aus. Die Maßnahme habe man mitgenommen, nach dem Motto: »Was können wir den Apotheken noch geben?« »Eigentlich ist es eine Maßnahme, die man in einer systematischen Diskussion erörtern müsste. Diese Diskussion hat vor dieser Maßnahme nicht stattgefunden«, sagte Kern. Die Diskussion über die fachliche Trennung zwischen Apotheken und Arztpraxen nannte er außerdem eine »Dorf-Battle«.
In einem Fall hält Kern die assistierte Medizin in der Apotheke für sinnvoll, nämlich dann, wenn die Patientin oder der Patient einen akuten Bedarf hat und ein rezeptpflichtiges Medikament benötigt. In solchen Fällen kann die telemedizinische Verbindung genutzt werden, um mit dem Arzt zu sprechen. Aktuell wird diskutiert, ob Apotheker unter strengen Vorschriften Medikamente auch ohne Verschreibung abgeben können. Das könnte man dann direkt mit dem Arzt per Telemedizin besprechen.
»Es ist eine sinnvolle Ergänzung, die wir in den Apotheken vor Ort sicherlich nicht inflationär anwenden werden«, sagte Rüdinger prompt. »Wir haben auch mittwochs nachmittags oder am Wochenende Ersteinschätzungsfälle in der Apotheke, bei denen wir die Patienten nicht zum Arzt schicken können«, sagte die Apothekerin. »In solchen Fällen kann das System die Ärzte entlasten und zu einer schnelleren Versorgung führen.« Zudem lud sie die Kassenärztliche Bundesvereinigung ein, gemeinsam mit der Apothekerschaft neue Konzepte zu erarbeiten.
Steiner nahm die Einladung jedoch nicht gut auf. »Wir haben Projekte wie ARMIN, bei denen klar ist, dass jeder seine fachlichen Kompetenzen übernimmt. Für so ein Modell sind wir jederzeit offen.« Mit Blick auf die neuen Möglichkeiten in den Apotheken, wie etwa Blutabnahmen und Impfungen, sagte sie außerdem: »All das wird erneuten Bedarf in den hausärztlichen Praxen hervorrufen. Wir sind an einem Punkt, an dem wir besser steuern wollen und nicht mehr Schnittstellen.«
Doch die Provokation gegenüber den Apotheken ging weiter. Auf die Frage der Tagesspiegel-Redakteurin und Moderatorin Jessica Gummersbach, welche Zusammenarbeit sie sich mit Doc Morris künftig vorstellen könne, antwortete Steiner, dass sie die ärztliche Dienstbereitschaft und die Arzneimittelabgabe unterstützen könnten. »Damit die Patientinnen und Patienten nicht noch weite Wege in die Vor-Ort-Apotheke auf sich nehmen müssen. Da können wir uns moderne, kreative Lösungen vorstellen.«