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Rabattverträge

Kassen nutzen Vorteil der Open-House-Verträge

Seit 20 Jahren vereinbaren Kassen und Hersteller Rabattverträge. Wie sich der Markt inzwischen entwickelt hat und wie die Situation in der Apotheke aussieht, hat nun das Beratungsunternehmen IQVIA analysiert.
Jennifer Evans
15.03.2023  16:30 Uhr

Grundsätzlich hat die Abgabe rabattierter Arzneimittel in der Apotheke Vorrang, sofern Wirkstoff, Wirkungsstärke und Packungsgröße identisch mit dem verordneten Produkt sind. Das regeln seit dem Jahr 2003 die sogenannten Rabattverträge, die erstmals im Beitragssatz-Sicherungsgesetz (BSSichG) auftauchten. Seit 2007 ergänzte die Aut-idem-Regelung das Prinzip. Ziel der Vereinbarungen zwischen Arzneimittelherstellern und Kassen ist seither, die Versorgungsqualität zu sichern sowie Kosten im Gesundheitssystem einzusparen.

Eine aktuelle Analyse des Informationsdienstleisters IQVIA belegt: Der Rabattvertragsmarkt wächst hierzulande ununterbrochen. Mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre hebt der IQVIA-Experte Michael Breil hervor, dass »der Verordnungsanteil am gesamten GKV-Markt bereits die 60-Prozent-Absatz-Marke im Jahr 2022 überschritten hatte«. Dabei verteilten sich rund 62 Prozent des Absatzwachstums beziehungsweise etwa 43 Prozent des Umsatzwachstums auf nur zehn pharmazeutische Unternehmen.

Exklusivverträge sind zweite Wahl

Darüber hinaus zeigt die Analyse, dass es in den vergangenen zwölf Monaten immer mehr Open-House-Verträge gegeben hatte, insbesondere im Bereich Biotech/Biosimilars. Bei diesen können gleich mehrere Pharmakonzerne in einem festgelegten Zeitfenster – laut IQVIA sind das im Schnitt 17 Monate – dem Vertrag beitreten. Anders als bei Exklusiv- oder Mehrpartnerverträgen, die von Anfang an fixe Partner haben.

Als einen Grund für die Beliebtheit der Open-House-Verträge sieht Breil deren Vorschalte-Funktion. Gemeint ist, die Kassen können damit schneller einen Rabattvertrag abschließen und sparen sich das zeitaufwändige Ausschreibungsverfahren. Tendenziell zögen die Kassen zwar Mehrpartnermodelle vor (45 Prozent Marktanteil), schieben aber wohl die eigentlichen Ausschreibungsverfahren einfach auf später.

Mehr Rezepte mit Aut-idem-Kreuz

Ein Blick auf die Apotheken habe gezeigt: In den vergangenen zwölf Monaten seien aus Gründen der Nichtverfügbarkeit rund 170.000 »Wunscharzneimittel-Verordnungen« abgegeben worden, davon 2600 bei gleichzeitig bestehenden Rabattverträgen, so Breil. Die Apotheke hat also auf Wunsch die Nichtverfügbarkeit auf dem Rezept vermerkt. In dem Fall muss der Patient die Mehrkosten tragen. Im rabattgeregelten Markt haben Verordnungen mit Aut-idem-Kreuz laut IQVIA-Auswertung um rund 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Haben die Ärzte das Kreuz gesetzt, kann die Apotheke ein Originalprodukt oder ein identisches Import-Arzneimittel abgeben.

Während der Coronavirus-Pandemie hatten die Offizinen angesichts der Lieferengpässe zudem im rabattfreien Generikamarkt mehr Beinfreiheit. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Absatz mit unrabattierten Generika um rund 40 Prozent gestiegen. Ebenfalls ein Plus von 38 Prozent verzeichnete demnach der Absatz bei der Gruppe der erstattungsfähigen Präparate im Rabattvertragsmarkt.

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