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Endokrinologen

Kampfansage an die Umwelthormone

Experten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) fordern, endokrine Disruptoren umgehend aus dem Verkehr zu ziehen. Neue Substanzen sollen besser getestet werden.
Sven Siebenand
12.06.2019
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Endokrine Disruptoren werden oft auch als hormonaktive Stoffe oder Umwelthormone bezeichnet und können hormonelle Vorgänge im menschlichen Körper imitieren oder stören und sehr wahrscheinlich auch die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Womöglich steigern sie auch das Risiko für Erkrankungen wie Krebs oder Adipositas. Laut einer Pressemitteilung der DGE werden derzeit mehr als 1000 Substanzen als endokrine Disruptoren bezeichnet. Sie können im Wasser, in der Nahrung oder beispielsweise in Kosmetika, Kinderspielzeug oder Gebrauchsgegenständen enthalten sein.

Zu den bekanntesten endokrinen Disruptoren zählen Polychlorierte Biphenyle (PCB), Weichmacher wie Phthalate und Bisphenol A, Dioxine oder das früher großflächig zur Insektenbekämpfung eingesetzte Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT). »Einige dieser Substanzen sind schon seit Jahren verboten, finden sich jedoch noch immer in der Umwelt«, sagt Professor Dr. Josef Köhrle, Präsident der DGE. PCB etwa würden seit Beginn der 1980er-Jahre in vielen Ländern nicht mehr hergestellt, seit 2001 seien sie weltweit verboten. Trotzdem seien sie noch heute auf der ganzen Welt nachweisbar – auch im menschlichen Körper.

Strenger regulieren

Von insgesamt knapp 100.000 bekannten chemischen Verbindungen ist bisher nur ein kleiner Bruchteil auf mögliche endokrin aktive, schädliche Wirkungen geprüft. Die DGE fordert deshalb nicht nur, die bereits als endokrine Disruptoren bekannten Substanzen konsequent aus dem Verkehr zu ziehen. Zudem müssten weitere und neue chemische Substanzen auf ihre Unbedenklichkeit überprüft werden, bevor sie in großem Maßstab produziert und in Umlauf gebracht werden. Insbesondere sei es nicht sinnvoll, bekannte endokrine Disruptoren durch verwandte, aber noch wenig untersuchte Verbindungen zu ersetzen. Auch diese können das Hormonsystem aus der Balance bringen und gefährden ebenfalls die Gesundheit. »Nur wenn Produzenten und Vertreiber nachweisen müssen, dass neue Substanzen nicht als endokrine Disruptoren wirken, können gesundheitliche Risiken verhindert werden«, sagt Biochemiker Köhrle.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, müsste zunächst die einheitliche Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO für endokrine Disruptoren konsequent angewendet und in den noch unterschiedlichen Prüfverfahren für neue Substanzen EU-weit einheitlich umgesetzt werden. Das sei bislang noch nicht der Fall, kritisiert Köhrle. Weitere Forderungen der Endokrinologen beziehen sich auf die Verbesserung und konsequente Anwendung der Informations-, Kennzeichnungs- und Meldepflicht für endokrine Disruptoren, die Intensivierung und Förderung der Forschung, und die Entwicklung von Testmethoden zum schnelleren und sicheren Nachweis der Wirkung von endokrinen Disruptoren. »Wir müssen erreichen, dass nicht wie bisher erst nach dem Auftreten von Gesundheitsschäden reagiert wird«, sagt Köhrle, »sondern dass das in der EU geltende Vorsorgeprinzip auch auf endokrine Disruptoren konsequent angewendet wird.«

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