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Morbus Parkinson

Jeder fünfte Patient ohne Medikation

Jeder fünfte Parkinson-Patient erhält trotz Diagnose keine Medikamente. Auf diese Versorgungslücke weist die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) anlässlich des Welt-Parkinson-Tags am 11. April hin.
Brigitte M. Gensthaler
10.04.2019
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Laut aktuellen Hochrechnungen aus Krankenkassendaten leben in Deutschland derzeit circa 400.000 Parkinson-Erkrankte – Tendenz steigend. Hauptursache ist die zunehmende Alterung der Bevölkerung. In 20 Jahren rechnen Experten mit 800.000 bis 1,2 Millionen Erkrankten.

Trotz allgemein guter Versorgungsstrukturen gebe es deutliche Mängel bei der Versorgung älterer Patienten, berichtete DPG-Vorstandsmitglied Professor Dr. Dirk Woitalla bei einer Pressekonferenz in München. »Mehr als jeder fünfte Parkinson-Patient wird trotz Diagnose nicht medikamentös behandelt. Offensichtlich gibt es einen Bruch in der Versorgung, wenn die Patienten vom eigenen Zuhause ins Pflegeheim kommen.«

Woitalla führte dies auf fehlende fachärztliche Versorgung zurück. »Viele Parkinson-Erkrankte in Seniorenheimen sehen zu selten oder nie einen Neurologen«, so der Neurologe am St. Josef Krankenhaus in Essen. Um diese Lücke zu schließen, müsse auch eine telemedizinische Versorgung möglich sein. Über Videosprechstunden oder Dokumentation von Symptomen per Apps oder Wearables könne ein Neurologe eingeschaltet werden. In vielen Fällen könne der Facharzt dann entscheiden, wie der Patient weiter zu versorgen ist, oder ob ein persönlicher Arztbesuch erforderlich ist.

Gerade an der Schnittstelle von häuslicher und stationärer Versorgung könnten auch Apotheker eine wichtige Rolle übernehmen, sagte Woitalla gegenüber der PZ. Da sie die Medikation ihrer Stammkunden in der Regel gut kennen, könnten sie den Arzt auf Veränderungen hinweisen. Sie hätten eine »Zeiger-Funktion«. Auch bei Aufnahme ins Krankenhaus sei es oft sehr aufwendig, die komplette Medikation eines Patienten zu ermitteln. Hier kann eine Medikationsliste gute Dienste leisten.

Ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik könne nicht nur im Notfall, sondern auch im Verlauf der Erkrankung nötig werden, ergänzte Professor Dr. Rüdiger Hilker-Roggendorf, Neurologe am Klinikum Vest in Recklinghausen. Die Erstdiagnostik sei vielfach ambulant möglich, doch mit fortschreitender Krankheitsdauer nehmen die Symptome oft zu oder verändern sich. Oft lasse auch die Wirksamkeit der Medikamente nach. »Es gibt Symptome wie Psychosen, Depressionen oder schwere Schlaf- und Impulskontrollstörungen, bei denen eine interdisziplinäre Behandlung in einer auf Parkinson spezialisierten Klinik erfolgen muss.« Dies gelte natürlich auch bei operativen Maßnahmen wie der Implantation einer Arzneimittelpumpe oder der tiefen Hirnstimulation, bei der Mikroelektroden in das Gehirn implantiert werden.

Die Parkinson-Krankheit ist – nach der Alzheimer-Demenz – die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Namensgeber ist der englische Arzt James Parkinson, der die Hauptsymptome 1817 erstmals beschrieb. An seinem Geburtstag, dem 11. April, wird der Welt-Parkinson-Tag begangen.

 

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