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Epazotl, Tlápatl und Tlilxochitl

16.12.2002  00:00 Uhr
Mexikanische Arzneipflanzen

Epazotl, Tlápatl und Tlilxochitl

von Sabine Anagnostou, Marburg

Arzneidrogen aus Mexiko bereicherten nach der Entdeckung Amerikas auch die europäische Pharmazie. Manche von ihnen wie Tacamahac-Harz oder Purgierwurzel werden heute nicht mehr eingesetzt, andere dagegen wie Chili-Pfeffer haben ihren festen Platz im europäischen Arzneischatz.

Mexiko, die Heimat der berühmten altamerikanischen Hochkulturen der Maya und Azteken, ist in vielerlei Hinsicht ein faszinierendes Land. Hochtempel und Pyramiden, prachtvolle Codices und kunsthandwerkliche Kostbarkeiten zeugen von beeindruckenden technischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen.

Auch auf dem Gebiet der Heilkunde konnten sich Maya und Azteken hervortun. Hervorragend müssen ihre Kenntnisse um den heimischen Arzneischatz gewesen sein. Von diesem Wissen profitierten nach der Entdeckung Amerikas auch die Europäer, denn zahlreiche Arzneidrogen aus dem heutigen Mexiko fanden bald Eingang in die Materia medica der Alten Welt. Zum Teil werden sie bis heute in der europäischen Pharmazie verwendet. Einige ausgewählte, in Mexiko heimische Medizinalpflanzen sollen an den reichen traditionellen Arzneischatz des mittelamerikanischen Landes erinnern.

Historische Quellen

Schriftliche Zeugnisse aus präkolumbischer Zeit über den Gebrauch von in Mexiko heimischen Arzneipflanzen existieren de facto nicht mehr. Zahlreiche Codices fielen der Zerstörungswut der Conquistadores anheim.

Missionare und Gelehrte aber bewahrten in ihren Werken über Kulturen und Natur der Neuen Welt sowie in medizinisch-pharmazeutischen Schriften – unter eurozentrischem Blickwinkel – einen Teil der Ethnopharmazie der mexikanischen Ureinwohner. So zeigen diese Schriften die lange pharmaziehistorische Tradition der mexikanischen Heilpflanzen und mögen Impulse geben, längst vergessenen oder bislang unbeachteten mexikanischen Medizinalpflanzen erneut Aufmerksamkeit zu schenken.

Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb der Franziskaner Bernardino de Sahagún sein universalhistorisches Werk über das Vizekönigreich Neuspanien, zu dem damals auch das heutige Mexiko gehörte. Das in Nahuatl verfasste Buch enthält einige Kapitel über Krankheiten und Heilmittel der Azteken und wurde als „Codex Florentinus“, in der spanischen Version unter dem Titel „Historia general de las cosas de Nueva España“ bekannt.

Der indianische Arzt Martín de la Cruz legte 1552 sein Wissen über aztekische Heilpflanzen in seinem Kräuterbuch „Libellus de medicinalibus Indorum herbis“ nieder. Es enthält 185 meist farbige Miniaturen von seinerzeit in Mexiko gebräuchlichen Arzneipflanzen mit Angaben zu ihrer heilkundlichen Verwendung.

Schließlich erkundete der spanische Arzt Francisco Hernández im Auftrag Philipps II. von 1571 bis 1577 die mexikanische Materia medica. Weit über tausend damals in Mexiko verwendete Medizinalpflanzen soll Hernández beschrieben und bildlich dargestellt haben. Da das ursprüngliche Manuskript aber größtenteils einem Brand zum Opfer fiel, sind nur summarische Versionen sowie ergänzte und kommentierte Fragmente überliefert, die Mitte des 17. Jahrhunderts unter dem Titel „Rerum medicarum novae Hispaniae thesaurus“ zusammengefasst und veröffentlicht wurden.

Diese drei Werke gelten als einschlägige Quellen zum traditionellen Arzneischatz Mexikos. Spezielle Informationen zu Heilkunde und Arzneien der Maya sind etwa in der „Chilam Balam“ sowie den Mena- und Sotuta-Handschriften enthalten. Sie stammen ebenfalls aus der spanischen Kolonialzeit und umfassen sogar schon europäische Heilpflanzen, so dass der präkolumbische Arzneischatz nicht in authentischer Form überliefert ist.

Jesuitentee aus Mexiko

Epazotl (Chenopodium ambrosioides L.) heißt das Mexikanische Traubenkraut in seiner Heimat. Das Gänsefußgewächs empfahlen die aztekischen Ärzte zur Behandlung von Brustleiden, Asthma, Dysenterie, Vergiftungen, Entzündungen, Wurminfektionen und zur Geburtserleichterung.

In Europa konnte sich der arzneiliche Gebrauch der mexikanischen Arzneipflanze nur langsam durchsetzen. Zu ihrer Verbreitung haben besonders die Jesuiten beigetragen, denn sie brachten große Mengen an Pflanzensamen nach Europa und zogen das Mexikanische Traubenkraut in dem unmittelbar an die Ordensapotheke des Römischen Kollegs angrenzenden Heilpflanzengarten. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Pflanze volkstümlich "Jesuitentee" oder "Römischer Tee" hieß. Seit dem 17. Jahrhundert war sie nahezu zweihundert Jahre lang ein Surrogat für den Chinesischen Tee.

In der Pharmazie diente das Mexikanische Traubenkraut als Heilmittel bei Atemwegserkrankungen und Frauenleiden, außerdem als Stomachikum, Nervinum und bis ins letzte Jahrhundert als Anthelminthikum gegen Spul- und Bandwürmer. Heute hat die Droge in Europa pharmazeutisch nur noch wenig Bedeutung. In der Homöopathie wird sie mitunter noch gegen Leberleiden und Durchblutungsstörungen eingesetzt. In Mexiko dagegen greift die Volksheilkunde etwa bei Wurmbefall, Frauenleiden und Erkrankungen des Verdauungsapparates nach wie vor gerne auf Epazotl zurück.

Datura: Rausch- und Heilmittel

Tlápatl, der in Mittelamerika heimische Stechapfel (Datura stramonium L.), ist ein Vertreter der Gattung Datura. Verschiedene Arten waren bei vielen Völkern der Erde von jeher als magisch-rituelle Rauschdroge, aber auch als Medizinalpflanze im Gebrauch; mitunter sind sie es bis heute.

In Mexiko bereitete man einst Arzneien aus Stechapfel zur Behandlung von Ohrenkrankheiten, Fieber und Schmerzen nach chirurgischen Eingriffen und schweren Verletzungen. Auch mit Vergiftungen durch Stechapfel hatte man offenbar bereits Erfahrungen, denn die alten Schriften warnen eindringlich vor Überdosierungen, da Wahnsinn und sogar Tod drohten.

Wann Datura stramonium in Europa eingeführt wurde, ist nicht eindeutig feststellbar. Erst einer Datura-Abbildung im „New Kreuterbuch“ (1588 bis 1591) des Tabernaemontanus kann der Stechapfel eindeutig zugeordnet werden. Datura stramonium wurde in Europa zur Betäubung, bei Entzündungen, rheumatischen Erkrankungen, Spasmen und Verbrennungen eingesetzt. Noch im 20. Jahrhundert waren die mittlerweile obsoleten Inhalationen aus Stechapfelblättern, auch in Form von Zigaretten, in der Asthmatherapie unverzichtbar.

Heute ist der Stechapfel noch Bestandteil einiger pflanzlicher Asthmapräparate und diverser homöopathischer Zubereitungen. In der mexikanischen Volksmedizin werden durchaus noch Zigaretten aus Stechapfelblättern gegen Asthma empfohlen. Rheuma, Neuralgien, Hämorrhoiden und Verbrennungen sind dort weitere Indikationen für diese Droge.

Paprika und Kürbis mit Tradition

Diverse Paprika-Arten (Capsicum spec.) haben in Mexiko eine uralte Tradition. Die ältesten archäologischen Funde in Mexiko stammen aus Tamaulipas und den Höhlen von Tehuacan und sind 7000 Jahre alt. Die Azteken gebrauchten diverse Capsicum-Arten als Karminativa, Diuretika, Stomachika, Emmenagoga und Aphrodisiaka. Den Maya dienten Chilis (Capsicum frutescens L., Cayennepfeffer) beispielsweise zur Behandlung von Durchfall, Erkältungskrankheiten, Zahnfleischinfektionen und äußerlich als Dermatika.

Schon Ende des 15. Jahrhunderts gelangten Capsicum-Arten nach Europa und wurden sogleich in den Arzneischatz aufgenommen. Die Parallelen zur altmexikanischen Heilkunde sind nicht zu übersehen, wenn Leonhart Fuchs den "Indianischen Pfeffer" in seinem New Kreüterbuch (1543) als blähungstreibendes, appetitanregendes, magenstärkendes und verdauungsförderndes Mittel beschreibt. Zudem empfiehlt ihn Fuchs als Prophylaxe gegen Zahnfäule und in Form von Pflastern zur Behandlung von Geschwülsten.

In den folgenden Jahrhunderten blieb die amerikanische Arzneidroge ein fester Bestandteil der europäischen Heilkunde und fand vielfältig medizinische Anwendung. Noch heute schätzt die europäische Pharmazie Capsicum-Arten (Capsicum annuum L. und C. frutescens L.) als Arzneidrogen. Wegen ihres Gehalts an Capsaicinoiden werden äußerlich zur Hautreiztherapie bei schmerzhaften Muskelverspannungen im Schulter-Arm- und Wirbelsäulenbereich, rheumatischen Beschwerden, Neuralgien und lokalen Kälteschäden erfolgreich eingesetzt.

Der Kürbis (diverse Cucurbita spec.) dient in Mexiko seit Jahrtausenden als Nahrungs- und Arzneipflanze. Wie bei Hernández zu lesen ist, behandelten die Azteken Hämorrhoiden und Entzündungen mit Kürbissaft. Heilkundige Maya bereiteten aus dem Fruchtsaft Salben gegen Verbrennungen. Volksmedizinisch werden in Mexiko heute alle Pflanzenteile des Kürbis in unterschiedlichen Zubereitungen etwa bei Nieren- und Blasenleiden, Wurminfektionen und Hauterkrankungen verwendet.

Spätestens seit dem 17. Jahrhundert stieß der hier schon längst kultivierte Kürbis auf das Interesse der europäischen Pharmazie und Medizin. Zubereitungen aus Kürbissamen wurden bis ins letzte Jahrhundert meist als Anthelminthikum verabreicht. Die heutige Pharmazie gebraucht die Samen von Cucurbita pepo L. als Arznei bei Reizblase, Miktionsbeschwerden und benigner Prostatahyperplasie.

Hoch geschätzt: Kakao und Vanille

Kakaobohnen von Theobroma cacao L. genossen in der aztekischen Kultur eine hohe Wertschätzung. Sie waren Zahlungs-, Nahrungs- und Heilmittel zugleich. Aus ihnen bereiteten die Azteken einen Trank, chocoatl, der als Chocolate bald auch Europa erobern sollte und bis heute eines der beliebtesten Getränke geblieben ist. In der aztekischen Heilkunde behandelte man Erkrankungen der Atemwege, Fieber, Auszehrung, Blasenleiden, Magenbeschwerden und Ruhr mit Zubereitungen aus Kakao.

Die älteste Abbildung des Kakaobaums, des Tlapalcacauatl, soll Martín de la Cruz überliefert haben. Interessanterweise empfiehlt de la Cruz Kakaobohnen als Stärkungsmittel bei Erschöpfungszuständen, die bei der Staatsverwaltung und Wahrnehmung öffentlicher Pflichten aufträten!

In der europäischen Pharmazie verabreichte man die aus Kakaobohnen hergestellte Succolata offensichtlich nach indianischem Vorbild als Stärkungsmittel und als Arznei gegen Brustleiden, Husten und Magenbeschwerden. Im 18. Jahrhundert wies der berühmte Apotheker Nicolás Lemery darauf hin, dass Präparate aus Kakaobohnen "fett machen". Während die Schokolade im 19. Jahrhundert aus den Arzneibüchern verschwand, blieben Kakaobutter und Kakaoschalen der europäischen Pharmazie bis heute erhalten.

Der Kakaobaum ist heute noch ein bedeutendes Element der mexikanischen Volksheilkunde. Verschiedene Pflanzenteile werden zum Beispiel zur Behandlung von Diarrhö und Hautkrankheiten sowie in der Frauenheilkunde eingesetzt.

Chocoatl würzten die Azteken unter anderem mit den Früchten der Vanille (Vanilla planifolia Andr.). Diese in Mexiko heimische, Tlilxochitl genannte Orchidee war nicht nur eine Gewürz-, sondern auch eine Arzneipflanze. Man schrieb ihr diuretische, emmenagoge, karminative und giftwidrige Eigenschaften zu. Den europäischen Arzneischatz sollte die Vanille ebenfalls zeitweilig bereichern. Man schätzte sie als Aphrodisiakum, Spasmolytikum und Karminativum. Heute wird nur noch das Vanillin in der Pharmazie als Geruchs- und Geschmackskorrigens verwendet. In der Lebensmittelbranche besitzt die aztekische Arzneidroge mit dem unverwechselbaren Aroma bekanntlich einen hohen Stellenwert.

Ordensapotheker in Mexiko

An der Einführung der mexikanischen Arzneidrogen in die europäische Materia medica waren neben Naturforschern, Gelehrten und Kaufleuten auch Missionsapotheker, darunter besonders die Jesuitenapotheker beteiligt.

Als Apotheker und Heilkundige lernten sie – nicht selten von den Eingeborenen selbst – den Gebrauch in Mexiko heimischer Heilmittel, erprobten diese bei der Krankenbehandlung in den Missionen und nahmen sie in das Inventar der ordenseigenen Apotheken auf. In medizinisch-pharmazeutischen Kompendien legten die Jesuitenapotheker ihre Kenntnisse über den Gebrauch amerikanischer Arzneidrogen nieder.

Diese Handbücher spiegeln gleichsam den Arzneischatz der damaligen Missionen wieder, in dem europäische und amerikanische Materia medica miteinander verschmelzen. Sie können deshalb als Missionspharmakopöen und die darin verzeichneten Medikamente als Missionsarzneien angesehen werden.

In Mexiko verfasste der aus Mähren stammende Jesuitenapotheker Johann Steinhöfer (1664 bis 1716) seine berühmte Missionspharmakopöe „Florilegio medicinal“ (1712), die insgesamt sechs Ausgaben erleben sollte und weite Verbreitung fand. Als Ingredienzien für seine Arzneien verwandte der Jesuitenapotheker viele mexikanische Heilpflanzen, darunter Epazotl und Tlápatl. Über ein wohlorganisiertes Netzwerk von Jesuitenapotheken verbreiteten die Ordensmänner dann die mexikanischen Arzneidrogen in Amerika und schließlich auch in Europa.

Mexikanische Pflanzen in Europa

Viele Heilpflanzen der alten Azteken bereicherten kurz- oder langfristig den europäischen Arzneischatz. Man denke an den Tabak (Nicotiana tabacum L.), der lange Zeit in Europa ein Allheilmittel war, die Purgier- oder Jalapenwurzel (Exogonium purga [Wender.] Benth.), die wegen ihrer drastisch abführenden Wirkung bei zahlreichen Erkrankungen als Purgans diente oder diverse Harze und Balsame wie Tacamahac und Copal.

Andere mexikanische Heilpflanzen fanden eher als Zierpflanzen großen Anklang, so etwa die Agave (diverse Agave spec.), von den Azteken Maguey genannt, die in Mexiko noch heute ein vielfältig gebrauchtes Volksheilmittel ist, oder verschiedene Tagetes-Arten. Unter diesen wird Cempasúchil (Tagetes erecta L.) als Mittel gegen Durchfallerkrankungen bei den Mexikaner besonders geschätzt.

Ingesamt ist nur ein relativ kleiner Teil des riesigen aztekisch-mexikanischen Heilpflanzenfundus nach Europa gelangt. In Mexiko besinnt man sich längst wieder auf das kulturelle Erbe des traditionellen Arzneischatzes. In Europa ist ein neues Interesse an der Ethnopharmazie erwacht. Vielleicht können weitere mexikanische Medizinalpflanzen eines Tages die moderne europäische Pharmazie bereichern. /

 

Literatur

  • Anagnostou, S., Jesuiten in Spanisch-Amerika als Übermittler von heilkundlichem Wissen. Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 78. Mit einem Geleitwort von Fritz Krafft. Stuttgart 2000; zugleich Diss. rer. nat. Marburg 2000.
  • Heinrich, M., Ethnobotanik und Ethnopharmazie. Eine Einführung. Stuttgart 2001.
  • Heinrich, M., Ethnobotany and Natural Products: The search for new molecules, new treatments of old diseases or a better understanding of indigenous cultures? Reviews in Medicinal Chemistry 3 (2003) 29 - 42.
  • Martínez, M., Las plantas medicinales de México. Sexta edición. México 1990.
  • Viesca, C., Medicina prehispánica de México. El conocimiento médico de los nahuas. México 1986.
  • Wolters, B., Agave bis Zaubernuss. Heilpflanzen der Indianer Nord- und Mittelamerikas. Greifenberg 1996.

Weitere Informationen zur Primär- und Sekundärliteratur können bei der Verfasserin angefordert werden.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Sabine Anagnostou
Institut für Geschichte der Pharmazie der Philipps-Universität Marburg
Roter Graben 10
35032 Marburg/Lahn
anagnostoy@compuserve.de

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