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Ein großer Kopf machtnoch lange nicht schlau

23.11.1998  00:00 Uhr

-Medizin

Govi-Verlag

Ein großer Kopf macht
noch lange nicht schlau

Der Mensch hat das schönste und größte Gehirn und ist daher intelligenter als andere Tiere. Diese weitverbreitete Meinung teilt Professor Dr. Dr. Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung der Universität Bremen nicht. Weshalb, das erklärte er auf einer Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte Ende September in Berlin.

Besitzt unser Gehirn Merkmale, die es von den Gehirnen der Tiere unterscheidet? Einen einzelnen Parameter, der das Gehirn des Menschen auszeichnet, konnten die Wissenschaftler bisher nicht finden. So hat der Mensch zum Beispiel bei weitem nicht das größte Gehirn; weder absolut noch relativ. Sein Gehirn wiegt im Durchschnitt 1450 Gramm, das eines Gorillas 550 Gramm und das eines Elefanten 5 kg. Der Pottwal schwimmt sogar mit 8 bis 9 kg Gehirn durchs Meer. Roth folgert: "Solange wir nicht bereit sind zuzugestehen, daß Wale und Elefanten intelligenter sind als wir, müssen wir daraus ableiten, daß absolute Gehirngröße nicht direkt mit Intelligenz oder Klugheit korreliert."

Das Gehirn wird nicht größer, weil die Evolution dem jeweiligen Lebewesen intelligentere Reaktionen oder die Koordination komplizierter Bewegungsabläufe abfordert. Vielmehr korreliert die Größe des Gehirns mit der Körpergröße. Von über 200 lebenden Wirbeltieren wurden Körpergewicht und Gehirngewicht in Beziehung zueinander gesetzt. Kleine Tiere haben kleine, große Tiere große Gehirne. Allerdings nimmt mit zunehmender Körpermasse das Gewicht des Gehirns relativ ab. Das große Säugetier Mensch hat daher, relativ gesehen, bei weitem nicht das größte Gehirn. "Da stehen die Spitzmäuse ganz oben", sagte Roth. Ihr Gehirn macht 10 Prozent der Körpermasse aus. Beim Blauwal sind es 0,01 Prozent.

Nur für seine Größe hat der Mensch ein ziemlich großes Gehirn. Das läßt sich über eine Hilfskonstruktion berechnen. Setzt man das Verhältnis von Hirngröße zu Körpergröße der Katze willkürlich gleich eins, haben Kaninchen und Ratte ein unterdurchschnittliches Gehirn, obwohl sie klein sind. Beim Murmeltier ist das Verhältnis 1,7mal besser, beim Walfisch 1,8mal und beim Delphin 5,3mal. Der Mensch hat nach dieser Rechnung ein 7,4 mal größeres Gehirn als er haben müßte, wäre er eine Katze in menschlicher Größe.

Das Gehirn des Menschen ist im Verlauf der Evolution sprunghaft und insgesamt schneller als bei anderen Wirbeltieren gewachsen. Die ersten menschenartigen Wesen hatten noch Gehirne von der Größe eines Schimpansen. Schon mit diesen kleinen Gehirnen hätten sie den aufrechten Gang, den Gebrauch der Hand und die Entwicklung von Werkzeugen gelernt, sagte Roth. Er zweifelt daher einen evolutionsgeschichtlichen Zusammenhang von Gehirngröße und Intelligenz an. Man gehe heute davon aus, daß sich durch einen "genetischen Unfall" dieses verhältnismäßig große Gehirn entwickelt hat und daß der Mensch erst nach und nach begonnen hat, etwas daraus zu machen, sagte Roth.

Auch andere Eigenschaften des menschlichen Gehirns sind zwar oft überdurchschittlich ausgeprägt, aber meist nicht einzigartig. Die Ausmaße der Großhirnrinde und die Anzahl der Windungen sind proportional zur Größe des Gehirns. Wale und Elefanten liegen also wieder an der Spitze. Erstaunlicherweise haben Delphine, im Gegensatz zum Menschen, einen riesengroßen präfrontalen Cortex, der als Sitz von Planung, Voraussicht, Kurzzeitgedächtnis oder Ich-Empfinden angesehen wird. Nur das Sprachzentrum für Grammatik und Syntax scheint beim Menschen einzigartig zu sein, meinte Roth.

Verläßliche Daten zur Anzahl der Synapsen pro Nervenzelle gibt es jedoch noch nicht. Und die Zellzahl? In einem definierten Stück Großhirnrinde liegt die Anzahl der Nervenzellen bei Delphinen zum Beispiel unter dem Durchschnitt. Doch der Elefant scheint in seinem großen Gehirn mindestens soviele Nervenzellen wie der Mensch zu haben. Roth dazu: "Vielleicht ist er viel intelligenter als wir und sagt es nur nicht."

Roth kommt zu folgendem Schluß: Das menschliche Gehirn weist zwar keine besonderen Eigenschaften auf, aber die Kombination von Hirngröße, Cortexgröße, Zahl der Nervenzellen und Synapsen bestimmt das, was man Intelligenz nennt, nämlich die Fähigkeit, neue Probleme kognitiver oder motorischer Art in angemessen kurzer Zeit zu lösen.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin

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