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Haarausfall hat Beratungsbedarf

20.10.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Haarausfall hat Beratungsbedarf

Was den hormonell bedingten Haarausfall betrifft, stand der Apotheker in der Selbstmedikation bisher mit leeren Händen da. Dabei ist die androgenetische Alopezie eine der häufigsten Formen des Haarausfalls.

Aus genetischen Gründen reagiert der Haarfollikel hypersensibel auf den biologisch aktiveren Metaboliten des Testosterons, das Dihydrotestosteron. Langfristig führt dies zu einer Miniaturisierung des Haarfollikels, was mit einer Verkürzung des Haarzyklus einhergeht. Typisch für diese Form des Haarausfalls sind Geheimratsecken. Frauen macht das Dihydrotestosteron bei hormonellen Umstellungen in Schwangerschaft, Menopause oder bei Pillenkarenz zu schaffen.

Seit 1. Oktober 1997 gibt es eine verschreibungsfreie 17-alpha-Estradiol-haltige Tinktur (Ell-Cranell alpha) in einer Konzentration von 0,025 Prozent. 17-alpha-Estradiol hemmt die 5-alpha-Reduktase und senkt dadurch lokal den Dihydrotestosteronspiegel. Das bisherige gleichnamige Produkt mit geringerem 17-alpha-Estradiol-Anteil (15 mg) und 10 mg Dexamthason ist jedoch weiterhin als rezeptpflichtiges Arzneimittel auf dem Markt verfügbar. Die neue hormonhaltige Haartinktur erweitert zwar die therapeutischen Möglichkeiten, jedoch sollte im Beratungsgespräch unbedingt abgeklärt werden, ob der Haarausfall tatsächlich hormonell bedingt sein könnte.

In Estrogen-haltigen Haartinkturen gibt man dem 17-alpha-Derivat den Vorzug, weil es im Gegensatz zum natürlichen beta-Estradiol kaum Einfluß auf die Sexualfunktion hat. Wegen seiner minimalen systemischen Potenz kann es auch bei Männern empfohlen werden.

Haarwachstum und die Menge der abgestoßenen Haare werden durch den Haarzyklus bestimmt. Bei gesundem Haar befinden sich mehr als 80 Prozent der Haare in der Wachstums- oder Anagenphase und weniger als 20 Prozent in der Ruhe- oder Telogenphase. Die verbleibenden wenigen Prozent machen eine Übergangsphase durch. Dieses stabile Gleichgewicht ist beim Haarausfall gestört: Eine Trichogramm-Untersuchung (Haarwurzelanalyse unter dem Mikroskop) ergibt, daß der Anagenanteil deutlich unter 80 Prozent liegt. Die Haare wechseln früher in die Telogenphase. Die Haarzyklen verlaufen somit immer schneller, bis der Haarfollikel sein Potential, neues Haar zu bilden, erschöpft hat. Die Folge: Die Haare lichten sich.

In einer placebokontrollierten Studie an der Universität Erlangen testete man über einen Zeitraum von 12 Monaten eine 0,025prozentige 17-alpha-Estradiol-haltige Lösung bei 96 männlichen und weiblichen Personen, die unter androgenetischer Alopezie litten. Zu Beginn der Studie lag bei allen Probanden der Anteil der Anagenhaare unter 80 Prozent.

Nach einjähriger Behandlungsdauer verzeichnete die Verumgruppe bei den Trichogramm-Untersuchungen einen signifikanten Anstieg auf etwa 85 Prozent. Insgesamt nahm der Anagenhaaranteil um circa 17 Prozent zu. In der Placebogruppe nahm die Anagenhaarrate dagegen nur um nicht signifikante 4,1 Prozent zu. Der subjektive Eindruck der Probanden unterstützte das Studienergebnis. 70 Prozent der Verumpatienten registrierten subjektiv einen Rückgang ihres Leidens; in der Placebogruppe taten dies nur 40 Prozent.

Beratungshinweis: Behandlungserfolge stellen sich frühestens nach drei bis sechs Monaten ein. Darüber sollten der Patient beim Kauf der ersten Packung aufgeklärt werden.

PZ-Artikel von Elke Wolf, Oberursel<Top

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