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Perfektes Verhütungsmittel gesucht: Die bewegteGeschichte der Pille

08.09.1997  00:00 Uhr

-Titel

Govi-Verlag

Perfektes Verhütungsmittel gesucht: Die bewegte Geschichte der Pille

Vor 36 Jahren kam in Deutschland die erste Pille auf den Markt. Von der Idee eines wirksamen Verhütungsmittels in Form einer Tablette bis zum marktreifen Produkt war es ein langer Weg.

Bereits 1901 beweist der Physiologe Ludwig Haberlandt, daß die Gabe von Schwangerschaftshormonen aus dem Gelbkörper den Eisprung unterdrücken kann. Damit ist die Idee zu einem hormonellen Verhütungsmittel in greifbare Nähe gerückt, bis zu ihrer Umsetzung sollten allerdings noch viele Jahre vergehen.

In den frühen 30er Jahren isoliert Adolf Butenandt aus 50.000 Schweineovarien zehn Milligramm kristallines Progesteron. An eine Produktion in großem Stil ist also noch nicht zu denken. Um 1940, als es dem amerikanischen Chemiker Russel E. Marker gelingt, mit 35 Gramm die bis dahin größte Menge Progesteron relativ preisgünstig aus dem Urin von Schwangeren zu gewinnen, liegt der Preis noch bei 1000 Dollar pro Gramm.

Unverdrossen arbeitet der von seinen Kollegen und der Industrie belächelte Marker an einer Progesteronsynthese aus pflanzlichem Material. Auf eigene Faust begibt er sich auf die Suche nach einem geeigneten Gewächs. In Mexiko findet er schließlich die Yamswurzel, aus deren Inhaltsstoff Diosgenin ihm die Teilsynthese des Progesterons gelingt. Der Preis für ein Gramm fällt auf zwei Dollar.

Noch immer ist die Zeit nicht reif für ein Mittel, das es der Frau erlaubt, sexuell aktiv zu sein und trotzdem die Schwangerschaft wirksam zu verhindern. Zwar gibt es seit 1916 eine Geburtenkontrollbewegung in den USA, die Idee der Familienplanung setzt sich jedoch nur langsam durch. Mächtigste Gegner damals wie heute sind Kirche, Tradition und Unwissenheit. Dabei ist die Not der am Rande des Ruins dahin vegetierenden Großfamilien eines der größten sozialen Probleme dieses Jahrhunderts. Die weltweite Bevölkerungsexplosion und die wachsende Armut verlangen nach Lösungen, die über den Ruf nach Enthaltsamkeit hinausgehen.

Zwei Frauen, die Aktivistin Margaret Sanger und die Millionärin Katharine McCormick, beauftragen 1950 den Biologen Gregory G. Pincus mit der sofortigen Entwicklung eines billigen und in der Anwendung einfachen Verhütungsmittels. Zwei Millionen Dollar steckt McCormick in die Forschung. 1954 werden die ersten Versuche mit Norethisteron an Frauen durchgeführt, das der Chemiker Carl Djerassi 1951 als Alternative zum oral nicht wirksamen Progesteron synthetisiert hatte und das eine hundertmal stärkere Wirkung als dieses aufweist.

Die unerwünschten Wirkungen der ersten Pillengeneration - Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Durchfall, Kopf- und Magenschmerzen - sind erheblich und stehen in keinem Vergleich zu den heute bekannten Effekten. Der Gedanke, daß zuvor gesunde Frauen fast täglich ein hochwirksames, aber schlecht verträgliches Medikament einnehmen sollten, um eine Empfängnis zu verhüten, scheint absurd.

Die erste Anti-Baby-Pille wird 1957 unter dem Namen Enovid auf dem amerikanischen Markt eingeführt. Vier Jahre später bringt der Berliner Pharmakonzern Schering sein Produkt Anovlar in den Handel. Die deutsche Fassung ist schon erheblich verträglicher und niedriger dosiert als ihre amerikanische Vorversion.

Trotzdem zögert in beiden Ländern die Industrie, bevor sie sich in diesem Marktsegment engagiert. Noch 1964 wenden sich Ärzte und Professoren aus Ulm in einer Denkschrift an das Bundesgesundheitsministerium. Sie prangern den Verfall von Moral und Sitte an und fordern das Ministerium auf, die "Abtreibungsseuche" zu beenden und die Werbung für alle Verhütungsmittel zu verbieten.

Trotz erheblicher Widerstände im konservativen Nachkriegsdeutschland setzt sich die Pille im Lauf der 60er Jahre durch und wird zum Flaggschiff einer nach Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung und sexueller Freiheit strebenden Generation. 1970 nehmen in Deutschland etwa zwei Millionen Frauen die Pille.

Ab Mitte der 70er Jahre stagniert der Absatz des Verhütungsmittels. Die zu hoch gesteckten, weit über die verhütende Wirkung hinausgehenden Erwartungen, die an die Pille geknüpft werden, erfüllen sich nicht. Statt dessen mehren sich die Klagen über unerwünschte Wirkungen des Medikaments. Je unerfreulicher der Sex, um so weniger sind nun die Frauen bereit, weiter die Pille zu nehmen. Da einige Pillensorten zudem im Verdacht stehen, die Libido der Frau sogar herabzusetzen, wird die neu gewonnene sexuelle Freiheit bald als neue Form der Tyrannei umgedeutet.

Glücklicherweise können die einzunehmende Hormondosis und damit die unerwünschten Wirkungen in den folgenden Jahren immer weiter verringert werden. Die Akzeptanz ist wieder gewachsen. Die Pille scheint in den Augen ihrer Anwenderinnen nur noch das leisten zu müssen, was sie soll und kann: die wirksame Verhütung einer Schwangerschaft. Heute nehmen weltweit etwa 60 bis 80 Millionen Frauen die Pille. In Deutschland nimmt sie etwa jede dritte Frau im gebährfähigen Alter.

PZ-Titelbeitrag von Gabriele Harth, Berlin; Ulrich Brunner, Eschborn,
und Sven Jonek, Bisigheim
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