Pharmazeutische Zeitung online

200 Jahre lokale Apothekengeschichte mit überregionaler Bedeutung

15.03.1999
Datenschutz bei der PZ

-PharmazieGovi-Verlag

MAGDEBURGER APOTHEKERKONFERENZ

200 Jahre lokale Apothekengeschichte mit überregionaler Bedeutung

von Katharina Albrecht, Halle

Die 1798 gegründete Magdeburger Apotheker-Konferenz (MAK) ist eine der ältesten Apothekervereinigungen Deutschlands. Sie bestand 150 Jahre und bildet ein bemerkenswertes Kapitel in der jüngeren Geschichte der deutschen Apotheken.

Nach örtlichen Zusammenschlüssen im 18. Jahrhundert entstanden überregionale Apothekervereine vor allem im 19. Jahrhundert (1). Im Gegensatz zu den meisten Gewerben, die sich im Mittelalter in der Zunft vereinten, verhinderte die geringe Apothekenzahl im mittelalterlichen Deutschland diesen eigenen Zusammenschluß.

1632 wurde in Nürnberg das "Collegium pharmaceuticum" gebildet und damit ein freiwilliger Zusammenschluß der Apotheker erstmals verwirklicht (2). Es folgten der Zusammenschluß der Berliner Apotheker zur "Berliner Apotheker-Konferenz", aus welcher der Berliner Apotheker-Verein hervorging. 1798 schlossen sich die Magdeburger Apotheker zur Magdeburger Apotheker-Konferenz zusammen, die bis 1948 existierte. Bereits von Apotheker Dr. Gustav Hartmann zum hundertjährigen Bestehen wurde die Geschichte der MAK beschrieben (3), die Ausführungen wurden später von Apotheker Dr. Karl Blell ergänzt (4).

Ab 17. November des Jahres 1798 erschien eine "Königliche Verordnung wegen Abschaffung des Gebrauchs, nach welchem die Apotheker den praktizirenden Aerzten sogenannte Weyhnachts-Geschenke machen". Jeder Einzelfall sollte unter eine Strafe von 20 Talern gestellt und das Vergehen mit Apothekenvisitationen auf eigene Rechnung bestraft werden. In Magdeburg existierten zu dieser Zeit insgesamt fünf Apotheken, deren Apotheker die Königliche Verordnung zum Anlaß nahmen, sich zur MAK zusammenzuschließen; zum Zweck der Selbsterziehung, zur Wahrung und Verteidigung der Standesehre, also ein Zusammenschluß zur Einigkeit unter den Apothekern. Beim ersten Zusammentreffen am 16. Dezember 1798 wurde im Gründungsprotokoll der MAK das Königliche Verbot sogar erweitert und auf alle Geschäftskunden und Militärärzte ausgedehnt. Weiterhin ging ein Appell an die Apotheker, sich an die Abmachungen zu halten, Ehre und Pflichtbewußtsein in den Vordergrund der Handlungen zu stellen. Die anfänglich kleine Runde der fünf Gründungsapotheker wurde über die Jahre durch neu hinzukommende Magdeburger Apotheker bereichert.

Der späteren Satzung des Vereins ist im § 1 zu entnehmen: "Er bezweckt den Schutz und die Förderung der sittlichen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder". Achtung verdient die rein menschliche Seite dieses Zusammenschlusses: Die regelmäßigen Konferenzen fanden über 80 Jahre, so lange die Mitgliederzahl es erlaubte, reihum in den Häusern der Kollegen statt, ein Zeichen von Gastfreundschaft und gegenseitigem Interesse. Wichtig war die eigene Erarbeitung, aber auch Bearbeitung der Arzneitaxen. Erwähnenswerte Eckpunkte sind die Nachrechnung und erfolgreiche Änderung der 1800 in Kraft getretenen Neuen Preußischen Arzneitaxe, die 1824 durch Einführung der Silbergroschen notwendig gewordene Neubearbeitung und Umrechnung der Taxe und 1832 die Anpassung der Handverkaufstaxe an eine erhebliche Preissenkung. 1865 übernahm G. Hartmann, Mitglied der Apothekerkonferenz, die Ausarbeitung der Handverkaufstaxe. Sie wurde alle zwei Jahre von der in der Konferenz gegründeten Taxkommission neu bearbeitet. Die letzte Auflage der sogenannten Hartmann-Taxe erschien 1936.

Die Konferenzarbeit zeigte auch positive Ansätze in der Kooperation mit den Ärzten. So nahmen beamtete Ärzte in den Jahren 1809 bis 1830 oftmals als Gäste an der Konferenz teil. Die 1864 erschienene Pharmacopeia Borussia VII beinhaltete wesentliche Änderungen der Maximaldosen oft gebräuchlicher Mittel. Sie wurde in zusammengefaßter Form als Versuch einer Ärzteinformation allen Magdeburger Ärzten zugesandt.

Auch die Wissenschaft hatte ihren Platz im Konferenzdasein. Das zeigt zum Beispiel der schon 1803 unternommene und 1805 wiederholte Versuch, medizinische Pflanzen zu Lehrzwecken anzubauen. 1869 wurden botanische und chemische Kurse für die Lehrlinge eingerichtet und eigene Lehrer bestellt. Eine 1830 begonnene Drogensammlung legte den Grundstein zu einer ständigen, wissenschaftlichen Sammlung, die 1912 als Apothekenmuseum eröffnet werden konnte. Wissenschaftliche Vorträge fanden ihren Platz im Konferenzablauf. Die Durchsetzung wirtschaftlicher Belange der Apotheker gehörte zu den wesentlichen Aufgaben der MAK: 1874 schloß die Konferenz den ersten Vertrag mit der ersten Krankenkasse, der Kasse der Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn. 1884 erfolgte ein notarieller, gegenseitig bindender Vertragsabschluß der Konferenzmitglieder untereinander zur Regelung von Lieferbedingungen, Rabattfestsetzung und gemeinsamer Rechnungslegung im Verkehr mit den Krankenkassen. 1888 ergänzte ein notarieller Vertrag zwischen Krankenkassen und Konferenzmitgliedern den gegenseitigen Geschäftsverkehr.

Zur Arbeit der Konferenz gehörte auch die Regelung der Dienst- und Ladenschlußzeiten. Die Einführung einer Nachttaxe ab 20 Uhr ist der Konferenzarbeit zuzuschreiben. Vorschriften zur Arzneimittelherstellung in der Apotheke wurden erarbeitet. Das entstandene Präparateverzeichnis nahm kontinuierlich an Umfang zu. Von 16 Präparaten im Jahr 1904 und 51 Präparaten 1907 steigerte sich die Zahl der Präparate auf 105 in der letzten Auflage 1933.

Mit der Inflation 1922 brachen auch für die Apotheker schwere Zeiten an. 1922 und 1926 erfolgten Sammlungen für "abgebrannte" Kollegen. In erster Linie bestimmte gemeinsames Handeln die Arbeit der Konferenz. Für alle Apotheker Erleichterung brachte 1923 die Einrichtung einer Geschäftsstelle, welche die Abrechnung mit den 25 bis 40 Krankenkassen pro Apotheke übernahm.

Bemerkenswert ist, daß die MAK auch nach Gründung des Nordeutschen Apothekervereins als selbständige Organisation erhalten blieb. Die Konferenz akzeptierte den größeren Verein, und allmählich traten alle Mitglieder der Magdeburger Apotheker-Konferenz auch dem Norddeutschen Apothekerverein bei. Mitglieder der Konferenz wurden sogar in das Direktorium des Apothekenvereins gewählt. Die 20. Hauptversammlung des Deutschen Apothekenvereins 1891 fand in Magdeburg statt. In der Eröffnungsrede hieß es, die beiden Vereinigungen sollten "getrennt marschieren und vereint schlagen".

Über die Grenzen der Stadt Magdeburg griff die MAK standespolitische Themen auf und arbeitete als integrierte Ortsgruppe im Apothekerverein. Der dadurch entstandene Verlust der eigenen örtlich bezogenen Beschlußfähigkeit aber veranlaßte die Magdeburger Apotheker, ab 1929 wieder als selbständiger, eingetragener Verein zu arbeiten.

1933 mußte die Konferenz neue Satzungen annehmen. Unterlagen von 1933 bis 1945 wurden vernichtet. Nach Besetzung Magdeburgs durch die Siegermächte organisierte die MAK den Apothekenbetrieb. Ein eigener Großhandel übernahm die Versorgung mit Arzneimitteln, Verbandstoffen und Chemikalien und regelte die Verteilung sichergestellter Wehrmachtsbestände (5).

1949 wurde die Magdeburger Apotheker-Konferenz aufgelöst. Ein Antrag auf Wiederzulassung des Vereins wurde von der Landesregierung, Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik, Anfang 1949 abgelehnt. Das Vermögen des Vereins ging an das Land Sachsen-Anhalt.

Als Fazit ist 200 Jahre nach Gründung der Magdeburger Apothekerkonferenz festzuhalten: Nur durch die erfahrene Einigkeit untereinander, erreichten es die Magdeburger Apotheker, daß die MAK über 150 Jahre die Apothekengeschichte aktiv mitgestaltete, die Kriegs- und Krisenzeiten überstand, und den Geist der Konferenz über Generationen erhielt und stärkte.

Gründungsapotheker der MAK, die das Protokoll vom 16. Dezember 1798 unterzeichneten:

  • Apotheker Johann August Tobias Michaelis, Besitzer der Rathsapotheke
  • Apotheker Ernst Daniel Pulmann, Besitzer der Pfälzer (Fisch-) Apotheke
  • Apotheker Johann Ferdinand Hartmann, Besitzer der Hof-Apotheke
  • Apotheker Johann Christian Wilhelmi, Administrator der Schilling`schen (Regierungs-) Apotheke
  • Apotheker Adolph Friedrich Völcker, Provisor der Naumann`schen Apotheke

Literatur

(1) Adlung, A., Urdang, G., Grundriß der Geschichte der deutschen Pharmazie. Berlin 1935.
(2) Cowen, D., Helfand, W., Die Geschichte der Pharmazie in Kunst und Kultur. Köln 1991.
(3) Hartmann, G., Die Magdeburger Apothekerkonferenz 1798-1898. Festschrift zur Gedenkfeier ihres hundertjährigen Bestandes. Magdeburg 1898.
(4) Blell, E., Die Magdeburger Apothekerkonferenz 1798-1928. 1928.
(5) Senff, C., Bauer, H.J., Das Magdeburger Apothekenwesen am Ende des zweiten Weltkriegs. Beitrag zum zwanzigsten Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs. In: Pharm. Praxis. 30 (1965) S. 87 - 89.Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa