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Die vergessene Chance

22.07.2002
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Apotheker in der Pharmaindustrie

Die vergessene Chance

von Peter C. Schmidt, Tübingen

Die Pharmaindustrie sucht händeringend nach qualifizierten Apothekern. Eine Chance für motivierte Studienabgänger.

Das Berufsbild des Apothekers in der Öffentlichkeit wird vom Offizinapotheker, das heißt dem in der öffentlichen Apotheke tätigen Pharmazeuten geprägt. Andere Berufsbilder, zum Beispiel in der Krankenhausapotheke, in der Verwaltung, in der Bundeswehr, an Berufsschulen und Schulen für pharmazeutisch-technische Assistenten und nicht zuletzt die großen Chancen in der pharmazeutischen Industrie sind im öffentlichen Bewusstsein mehr oder weniger nicht vorhanden. Hinzu kommt, dass der Beruf des Apothekers sich mehr und mehr zum Frauenberuf entwickelt. So waren an der Universität Tübingen über die letzten fünf Jahre gerechnet 77 Prozent der Absolventen Frauen. Die Männer sind bereits als schützenswerte Minderheit zu betrachten. Wenn man bei 40 Studierenden pro Semester in einer Praktikumsgruppe mit zehn Personen fünf Männer antrifft und sich darüber freut, bekommt man auf die entsprechende Frage zur Antwort: „Wir sind die einzigen Männer im Semester“.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es ist gut und richtig, wenn viele Damen den Apothekerberuf ergreifen, da die Tätigkeit in der öffentlichen Apotheke sowohl eine Voll- als auch eine Teilzeitbeschäftigung ermöglicht, die je nach familiären Bedürfnissen variiert werden kann. Hinzu kommt, dass zum Beispiel im Land Baden-Württemberg mehr als 50 Prozent der Apothekenbesitzer älter als 55 Jahre sind, so dass auch in der Offizinpharmazie in naher Zukunft ein großer Bedarf an Apothekern besteht. Darüber wird jedoch leicht vergessen, dass im Bereich der pharmazeutischen Industrie ein großer Bedarf an jungen Apothekern, insbesondere an promovierten Absolventen besteht.

Das Pharmaziestudium gliedert sich wie andere naturwissenschaftliche Studiengänge in ein Grund- und Hauptstudium von jeweils zwei Jahren. Der Normalstudent legt nach acht bis neun Semestern das zweite Staatsexamen ab und erhält nach einem Jahr praktischer Tätigkeit die Approbation zum Apotheker. Eine weitere Spezialisierung ist durch die drei bis vier Jahre dauernde Promotion in einem der Kernfächer der Pharmazeutischen-medizinischen Chemie, der Pharmakologie, der Pharmazeutischen Biologie, der Pharmazeutischen Technologie, die früher als Galenik bezeichnet wurde, sowie neuerdings im Bereich der Klinischen Pharmazie möglich.

Exzellente Chancen

Die Berufschancen der promovierten Apotheker müssen derzeit als exzellent bezeichnet werden. Insbesondere im Bereich der Pharmazeutischen Technologie wäre es leicht möglich, die dreifache Zahl an Absolventen mühelos in der Pharmaindustrie unterzubringen. Die Arbeitsfelder, die sich dem Absolventen in der Industrie bieten, sind vielfältig. Während die chemische Synthese zumeist den Chemikern vorbehalten ist, können Pharmazeuten bereits bei biotechnologischen Verfahren eingesetzt werden. Stammt ein neues Arzneimittel aus natürlichen Ressourcen, so ist die Naturstoffisolierung, die Einstellung des neuen Medikaments auf bestimmte Wirkstoffgehalte aus der Pflanze und die Entwicklung eines Arzneimittels aus dieser Rohstoffquelle bereits eine Domäne der Pharmazeuten.

Erfahrung zeigen, dass jeder Tag in der Pharmaindustrie neue Überraschungen und Herausforderungen bringt. Die Tätigkeit erfordert aber auch ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft, kommunikative Fähigkeiten sowie ein Händchen für die unterstellten Mitarbeiter. Stimmen die Faktoren und ist fachliche Kompetenz vorhanden, bietet die Tätigkeit in diesem Industriezweig eine faszinierende Möglichkeit, das eigene Berufsleben interessant zu gestalten.

Nur 10 Prozent von rund 50 ehemaligen Doktoranden in der Pharmazeutischen Technologie an der Universität Tübingen landeten in öffentlichen Apotheken, der Großteil arbeitet heute in den unterschiedlichsten Bereichen der pharmazeutischen Industrie. Die Zahlen zeigen, dass der Apotheker in der Pharmaindustrie offensichtlich doch ein abwechslungsreiches Berufsbild vorfindet.

Es fehlt dennoch der Nachwuchs. Die Pharmaindustrie sucht Hände ringend gut ausgebildete Apotheker. Ein Beispiel: Ein junger Mann, der nach seinem pharmazeutischen Staatsexamen einen Teil seiner praktischen Ausbildung in einem Industriebetrieb absolvierte, kam anschließend an den Lehrstuhl zur Promotion zurück. Die Promotion dauert in der Regel drei bis vier Jahre. Nach nur eineinhalb Jahren rief der Chef der Firma an, um zu fragen wann der junge Mann nun endlich fertig würde, denn man wolle ihn unbedingt wieder haben. Ein exaktes Datum für den Abschluss der Promotion war zu diesem Zeitpunkt nicht anzugeben. Es wurde deshalb ein Arbeitsvertrag geschlossen, der eine Spanne für den Eintritt in die Firma vorsah. Als dann im Laufe der Arbeit eine Maschine ihren Dienst versagte, kam der Absolvent in erhebliche Zeitprobleme. Es gelang im aber, die Arbeit termingerecht abzuschließen und seinen Dienst anzutreten. Alle Seiten waren zufrieden. Das Beispiel zeigt, wie intensiv die Industrie heute um junge Absolventen wirbt.

 

Professor Dr. Peter C. Schmidt lehrt und forscht im Fach Pharmazeutische Technologie an der Universität Tübingen. Mehr Informationen gibt es unter
www.uni-tuebingen.de/transfer/chemie/schmidt.html

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