Todesursache Schwindel: Vermeiden und behandeln |

Schwindel selbst ist keine Krankheit, sondern nur ein Zustand, eine Störung der Wahrnehmung der von uns erlebten Welt – aber behandlungsdürftig. Nach Meinung des Oberarztes Dr. Frank Waldfahrer der HNO-Klinik in Erlangen sind die Folgen von Schwindel bedeutend. Er sieht in Schwindel sogar eine Todesursache.
Eine 2016 im Fachjournal «The Laryngoscope» veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der Harvard Medical School hat die Mortalität bei Patienten mit Schwindel untersucht. Während diese bei Gesunden bei 2,6 Prozent liegt, sei die Sterblichkeitsrate von Patienten mit Schwindel (9 Prozent) ähnlich hoch wie bei Patienten mit Diabetes mellitus (9,8 Prozent) oder kardiovaskulären Erkrankungen (10,5 Prozent), berichtete der Mediziner bei einer Pressekonferenz zum 120-jährigen Bestehen der Firma Hennig Arzneimittel am 10. April in Flörsheim.
«Insbesondere ältere Patienten stürzen aufgrund von Schwindel, kommen mit einer Fraktur ins Krankenhaus und erholen sich oft nicht mehr», so Waldfahrer. Dabei könne der Schwindel verschiedene Ursachen haben. Zu unterscheiden sei der peripher-vestibuläre Schwindel, der seinen Ursprung im Innenohr habe, und der zentral-vestibuläre Schwindel, der im Gehirn verursacht werde. Zudem gebe es eine Mischform aus beidem, die Presby-Vestibulopathie, auch multimodaler Schwindel oder früher Altersschwindel genannt.
«Altersschwindel wird zum Teil einfach durch Verschleiß hervorgerufen», so der HNO-Arzt. Die Strukturen des Gleichgewichtssystems seien immer aktiv, dadurch käme es früher zu Ausfallerscheinungen als bei anderen Sinnesorganen. Eine Seitendifferenz des rechten und des linken Innenohres, eine Funktionseinschränkung des Sehsinns oder eine reduzierte Reizweiterleitung im Gehirn seien weitere Gründe für eine Gleichgewichtsstörung. Doch auch andere Krankheiten wie eine Polyneuropathie, welche zu einer verminderten Empfindlichkeit der Fußsohlen führt, oder die Einnahme von Medikamenten könnten eine Gleichgewichtsstörung verstärken. Insbesondere die Einnahme von «Fall Risk Increasing Drugs» (FRIDs) wie Sedativa oder einige Diuretika erhöhen die Sturzgefahr.
Häufig kommt es zu einer Chronifizierung: Ein Patient, dem schwindelig ist, entwickle eine Gangunsicherheit, habe Angst zu stürzen und bewege sich deshalb weniger. Dieser Patient kommt aus der Übung, baut Muskel ab und reduziert seine Gleichgewichtsfunktion: der Schwindel verstärkt sich. «Patienten mit Schwindel ziehen sich sozial immer weiter zurück, weil sie sich nicht mehr aus der Wohnung trauen», erklärte der HNO-Arzt. Am Ende dieser Kaskade stehen der Sturz, schwere Verletzungen und der Tod. Deshalb sei eine evidenzbasierte Schwindel-Therapie wichtig.
Neben einer genauen Begutachtung der Wohnung mit Entfernung von Stolperfallen wie Teppichen oder Kabeln sei auch eine kritische Indikationsstellung von Gehhilfen notwendig. «Ein Rollator entlastet das Gleichgewichtsorgan, dieses wird dadurch noch schlechter funktionieren», so Waldfahrer. Auch die Selbstmedikation der Patienten müsse kritisch betrachtet werden, um sedierende Medikamente wie Antihistaminika zu enttarnen.
Im Zentrum der Schwindel-Therapie müsse eine aktivierende Physiotherapie in Kombination mit einem nicht sedierenden Antivertiginosum stehen. Eine Kombination von Cinnarizin und Dimenhydrinat ist nach der Meinung des Dozenten das Mittel der Wahl: Denn sowohl der peripher-vestibuläre als auch der zentral-vestibuläre Schwindel werde dadurch verringert, ohne dass es zu einer Sedierung komme. «Dabei ist die Kombination der Wirkstoffe der Gabe der Einzelsubstanzen überlegen», so Waldfahrer.
Bei Altersschwindel sei meist eine lebenslange Therapie notwendig, hier bestehe immer noch Aufklärungsbedarf. «Bei anderen chronischen Erkrankungen wie anhaltendem Vorhofflimmern käme auch niemand auf die Idee, Medikamente abzusetzen.» Ein duale Dauertherapie und eine Umfeld-Sanierung zur Sturzprophylaxe seien unbedingt notwendig, denn im Alter raube Schwindel Lebenszeit. (cw)
DOI: 10.1002/lary.25902
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12.04.2018 l PZ
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