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Wasser: Der Lebensstoff

MEDIZIN

 
Wasser

Der Lebensstoff


Von Theodor Dingermann / Wasser ist eine bemerkenswerte Substanz. Es ist formlos, durchsichtig und unspektakulär und dennoch von herausragender Bedeutung für das Leben auf der Erde: Es ist sowohl Lebensraum als auch Grundlage aller Lebewesen.

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Da Wasser so allgegenwärtig ist, übersieht man häufig seine wahrhaft außergewöhnlichen Eigenschaften. Viele von diesen beruhen auf der Dipolstruktur der Wassermoleküle und auf der Fähigkeit zur Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen. Darüber lagern sich die Moleküle zu Aggregaten zusammen. Fast keine der besonderen Eigenschaften von Wasser ist geeignet, zuverlässige Aussagen über andere Flüssigkeiten zu machen, und umgekehrt würde man völlig daneben liegen, würde man die Eigenschaften des Wassers auf verwandte Verbindungen extrapolieren. Wenn man die Charakteristika des Wassers beispielsweise von Wasserstoffselenit (H2Se) und Schwefelwasserstoff (H2S) ableiten würde, müsste man erwarten, dass Wasser bei -93 °C siedet und bei Zimmertemperatur ein Gas ist.




Foto: Fotolia/Robert



Auch die Eigenschaft des Wassers, sich beim Abkühlen bis 4 °C zusammenzuziehen, sich bei weiterem Abkühlen dann aber wieder auszudehnen, ist einzigartig (die sogenannte Dichte­anomalie). Gefriert Wasser (bei 0 °C), ist sein Volumen um fast ein Zehntel größer als bei 4 °C, eine paradoxe, rätselhafte und äußerst unwahrscheinliche Eigenschaft. Aber eine Eigenschaft, die äußert wichtig ist. Denn sie bedingt, dass Eis auf Eiswasser schwimmt. Ohne diese Besonderheit würde Eis nach unten sinken, Seen und Ozeane würden von unten nach oben zufrieren. Viele dieser Gewässer würden wahrscheinlich niemals völlig auftauen – eine Katastrophe für das reichhaltige Leben in den Oberflächengewässern dieser Erde und für die Nahrungskette.

 

Das Wasser in uns

 

In der Biochemie und Physiologie von Organismen spielt Wasser eine herausragende Rolle. Es ist überall. Eine Kartoffel beispielsweise besteht zu 80 Prozent, eine Tomate gar zu 95 Prozent aus Wasser. 75 Prozent einer bakteriellen Zelle sind Wasser, und bei Menschen beansprucht es circa 65 Prozent des Gewichts. Allerdings ist dieses Wasser nicht statistisch verteilt. Gehirn und Nieren bestehen zu über 80 Prozent aus diesem Stoff. Muskeln enthalten 75 Prozent Wasser, wohingegen der Wasseranteil der Knochen nur etwas über 20 Prozent beträgt.

 

Je nach Alter, Geschlecht und Körperzusammensetzung variiert der Wassergehalt des menschlichen Körpers zwischen 40 und 80 Prozent. Bei Neugeborenen ist er mit 70 bis 80 Prozent am größten. Bei Erwachsenen pendelt er sich dann auf 50 bis 60 Prozent ein. Bezogen auf die fettfreie Körpermasse ist der Wasseranteil relativ konstant und beläuft sich auf 70 bis 75 Prozent. Dem gegenüber steht das Fettgewebe mit 10 bis 40 Prozent an der Körpermasse. Daher verfügen Übergewichtige auch über einen geringeren Wasseranteil als muskulöse Menschen.

 

Wasser ist nicht nur Lösungsmittel für den Transport zahlreicher Substanzen in den Flüssigkeitskompartimenten, die unter anderem die Versorgung der Zellen mit Nährstoffen und die Ausscheidung harnpflichtiger Substanzen betreffen. Wasser ist auch Reak­tionspartner in zahlreichen Stoffwechselprozessen. Und Wasser ist essenziell für die Aufrechterhaltung des Turgors und die Ausbildung von biologischen Strukturen. Die wichtigen hydrophoben Wechselwirkungen, die beispielsweise die Biomembranen zusammenhalten und Zellen als dichtverschlossene Reaktionsräume definieren, würde es ohne Wasser nicht geben. Auch die räumlichen Strukturen der großen Biomoleküle, die für deren Aktivität von entscheidender Bedeutung sind, würden ohne die Gegenwart von Wasser in dieser Form nicht existieren. Und nicht zuletzt ist Wasser auch an der Regula­tion des Säure-Base-Haushalts und der Körpertemperatur beteiligt.

 

Streng geregelter Haushalt

 

Wasser nimmt der Mensch durch Nahrung und Getränke nicht nur auf und scheidet es über Harn, Fäzes, Haut und Atemluft wieder aus. Wasser wird auch vom Körper produziert und verbraucht. Ein Erwachsener setzt täglich 5 bis 6 Prozent des Gesamtkörperwassers um. Etwa 2 bis 3 l Wasser werden pro Tag in Form von flüssiger und fester Nahrung aufgenommen. Circa 350 ml produziert der Körper aber auch selbst. 

 

Denn Wasser fällt bei der Bildung von ATP im Rahmen der mitochondrialen Atmungskette als Produkt an. Für die Ausscheidung von harnpflichtigen Substanzen über die Niere werden täglich mindestens 650 bis 700 ml Wasser benötigt. 150 bis 200 ml Wasser werden über die Fäzes ausgeschieden, und über die Haut verlassen etwa 350 ml pro Tag den Körper als Wasserdampf und 100 bis 350 ml in Form von Schweiß. Und schließlich verlieren wir täglich etwa 500 ml über die Lungen.

 

Wird die Flüssigkeitsbilanz negativ, reagiert der Körper: Auf Schwindel und Kopfschmerzen folgen Müdigkeit, Erschöpfung und Übelkeit. Man reagiert zunehmend gereizt und wird von Muskelkrämpfen gequält. Schließlich geht die Kontrolle verloren. Verwirrtheit, Benommenheit, Apathie und Kreislaufkollaps signalisieren dann Lebensgefahr.

 

Wichtig ist, dass Wasser rein ist, und die Verfügbarkeit von reinem Wasser sollte für jedermann und jederzeit garantiert sein. Das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser ist seit Juli 2010 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt. Dennoch sterben jährlich rund 1,5 Millionen Menschen an verunreinigtem Wasser (lesen Sie dazu Seite 38).

 

In diesem Licht betrachtet erscheint geradezu absurd, was pseudowissenschaftlich aus Wasser dort gemacht wird, wo es im Überfluss vorhanden ist. Dazu zählt energetisiertes Wasser (Gesundheitswasser), revitalisiertes Wasser, oxygeniertes Wasser, tachyonisiertes Wasser, belebtes, levitiertes, formatiertes oder informiertes Wasser und ein Wasser mit Gedächtnis oder ganz bestimmten Schwingungen. /




5 bis 6 Prozent des Körperwassers setzt eine Erwachsener jeden Tag um. Entsprechend muss er zwischen zwei und drei Liter trinken.

Foto: Fotolia/Chepko Danil





Beitrag erschienen in Ausgabe 34/2014

 

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