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Olbas Tropfen: Ein pflanzliches Arzneimittel mit langer Tradition

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Olbas Tropfen

Ein pflanzliches Arzneimittel mit langer Tradition


Von Jürgen Reichling1, Reinhard Saller2 und Anwar Tarabichi3 / Olbas® Tropfen sind ein traditionelles pflanzliches Arzneimittel, das ausschließlich aufgrund langjähriger Erfahrung für zahlreiche Anwendungsgebiete registriert ist. Sie enthalten ein Destillat aus einer Mischung von Pfefferminzöl, Cajeputöl, Eukalyptusöl, Wacholderbeeröl und Wintergrünöl. Die nachfolgenden Ausführungen geben einen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung.


(1) Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie, Universität Heidelberg, 2) Institut für Naturheilkunde, Universitäts­spital Zürich, Universität Zürich, 3) Facharzt für Allgemeine Chirurgie, Chirurgische Praxis Gräfelfing)


Bei Olbas Tropfen (Olbas) handelt es sich um ein traditionelles pflanzliches Arzneimittel, das ausschließlich aufgrund langjähriger Erfahrung für die nachfolgend genannten Anwendungsgebiete registriert ist (Reg. Nr. 74850.00.00). Die Tropfen enthalten ein Destillat aus einer Mischung von Pfefferminzöl, Cajeputöl, Eukalyptusöl, Wacholderbeeröl und Wintergrünöl im Verhältnis von 53 : 21 : 21 : 3 : 2. Zur Herstellung werden die fünf genannten individuellen Einzelöle (Basisöle) gemischt und anschließend einer erneuten Destillation unterzogen. 

 




Abbildung 1: Die vielfältige Geschichte der Olbas Tropfen im Laufe der vergangenen 80 Jahre spiegelt sich in den verschiedenen Formen, Farben und Aufschriften der Verpackungen und Glasbehälter wider (18).

Foto: Deutsche Olbas GmbH


Das so erhaltene Destillat kommt als Olbas Tropfen (alkoholfrei) in den Handel und wird traditionell zur Einnahme und Inhalation bei Erkältungskrankheiten (Husten, Schnupfen, Heiserkeit), zur Einnahme bei leichten Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, zur äußerlichen Anwendung bei leichten Kopfschmerzen, zum Beispiel bei Verspannungszuständen, sowie zur äußerlichen Anwendung bei umschriebenen (lokalen) Muskelschmerzen nach Überanstrengung/Fehlbelastung empfohlen. Bekannt ist auch seine Anwendung bei diversen Sportverletzungen.

 

In den letzten Jahren wurden vermehrt Anstrengungen unternommen, um mithilfe von In-vitro-Untersuchungen und klinischen Studien belastbare und plausible Argumente für die tra­ditionell beanspruchten Anwendungsgebiete zu sammeln. Die nachfolgenden Ausführungen geben einen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung.

 

Historische Splitter

 

Die angeblich fernöstliche Herkunft von Olbas ist historisch gesehen nicht gesichert, zumal keine schriftlichen Belege existieren. Nach einer Legende soll Marco Polo, der 1271 China besuchte, vom damaligen Großkhan (Kublai Khan) ein geheimnisvolles Destillat aus ätherischen Ölen erhalten haben, um damit seinen Onkel Matteo zu behandeln, der an einer Bronchitis erkrankt war. Anschließend soll Marco Polo das geheimnisvolle Destillat in einem Fläschchen mit zurück nach Venedig genommen haben, um es als eine Art Hausmittel zur Behandlung von Erkältungskrankheiten zu nutzen. Die Legende berichtet weiter, dass das geheimnisvolle ätherische Öl in späterer Zeit seinen Weg nach Basel gefunden hat, wo es von einem Apotheker und Alchemisten auf seine Bestandteile hin analysiert worden sein soll. Darauf aufbauend soll der Apotheker ein Destillat ähnlicher Zusammensetzung aus importierten Kräutern hergestellt und ihm den Namen Olbas (abgeleitet von Oleum Basileum = Basler Öl) gegeben haben (1,2). Glaubt man der Legende, geriet das Basler Öl mit dem Aufkommen chemischer Arzneimittel allmählich in Vergessenheit. Gesichert ist jedoch, dass im Jahre 1932 der Schweizer Apotheker Walther Schoenenberger das Produkt Olbas übernommen hat. Es galt lange Zeit als wahres Wundermittel gegen allerlei Gebrechen (2, 3).

 

Von seinen Anfängen in den 1930er-Jahren bis heute hat Olbas eine wechselvolle Geschichte hinter sich, was sich vor allem auch in den vielfältigen Farben, Formen und Aufschriften der verwendeten Verpackungen und Glasbehälter widerspiegelt (Abbildung 1). Auch die Rezeptur hat sich in den vergangenen Jahren etwas geändert. Bis Ende der 1970er-Jahre wurde Olbas aus den nachfolgenden Basisölen durch Mischen und anschließende Destillation gewonnen: Pfefferminzöl (53,0 g), Cajeputöl (21,2 g), Eukalyptus­- öl (21,2 g), Krauseminzöl (1,06 g), Wacholderbeeröl (4,24 g), Wintergrünöl (2,12 g), Bergamottöl (0,55 g), Sternanisöl (0,55 g), Zimtöl (1,06 g), Kiefernnadelöl (1,06 g) (4). In der Folgezeit wurde die Rezeptur als Reaktion auf die Kom­- bi­nationsbegründung nach § 22 Abs. 3a AMG vereinfacht. Danach werden als Basisöle nur noch Pfefferminzöl, Cajeputöl, Eukalyptusöl, Wacholderbeeröl und Wintergrünöl aufgelistet.




Antimikrobielle Wirkung

 

Zur antimikrobiellen Wirkung von ätherischen Ölen liegen zahlreiche In-vitro-Studien vor, die zweifelsfrei belegen, dass Bakterien, Pilze und Viren äußerst sensibel auf ätherische Öle reagieren (5, 6). Die positiven Ergebnisse lassen den unterstützenden oder zum Teil alleinigen Einsatz von ätherischen Ölen in der Phyto- und Aromatherapie bei Haut- und Wundinfektionen sowie bei Erkältungskrankheiten plausibel erscheinen. In einer kürzlich durchgeführten In-vitro-Studie wurde das antimikrobielle Potenzial von Olbas im Vergleich zu seinen individuellen Basisölen (Cajeput-, Eukalyptus-, Pfefferminz-, Wacholderbeer- und Wintergrünöl) untersucht (7). In Tabelle 1 sind die Ergebnisse zusammenfassend dargestellt. Danach besitzt Olbas ein relativ breites Wirkungsspektrum mit insgesamt guter bis sehr guter antimikrobieller Wirkung gegen alle Testkeime, einschließlich Methicillin-resistenter (MRSA) Stämme und Vancomycin-resistenter Enterococcus (VRE) Stämme mit MHK-Werten von 0,15 bis 10,0 mg/ml. Besonders hervorzuheben ist die relativ hohe Sensibilität der Bakterien Acinetobacter baumanii (MHK: 0,15 mg/ml), Escherichia coli (MHK: 0,6 mg/ml) und Pseudomonas aeruginosa (MHK: 5 mg/ml) so­- wie des Hefepilzes Candida albicans (MHK: 0,3 mg/ml) gegen Olbas. Die genannten Bakterien verursachen Wundinfektionen sowie nosokomiale Infekte und erweisen sich häufig als multiresistent gegen verschiedene Antibiotika; im vorliegenden Fall war Pseudomonas aeruginosa gegen die Antibiotika Ampicillin und Vancomycin resistent. Zudem ist bekannt, dass P. aeruginosa gegen zahlreiche ätherische Öle eine stark verminderte Sen­sibilität aufweist. Dies liegt unter anderem daran, dass dieses Bakterium über sogenannte MDR-Effluxpumpen verfügt, die in der Lage sind, ein­gedrungene Monoterpene wieder aus der Zelle zu schleusen (6).

 

Vergleicht man die MHK-Werte der einzelnen Basisöle mit der von Olbas, dann sind nur die antimikrobiellen Aktivitäten von Pfefferminzöl und Cajeputöl erwähnenswert. Gewichtet man die MHK-Werte der genannten Testöle, dann zeigt sich, dass die antimikrobielle In-vitro-Wirkung von Olbas weitgehend auf der von Pfefferminzöl beruht.

 

Bei Lippenherpes

 

Herpes simplex Viren (HSV) sind weltweit verbreitet und gehören mit zu den häufigsten Krankheitserregern beim Menschen. Es sind behüllte Viren mit linearer, doppelsträngiger DNA, von denen man zwei Serotypen HSV-1 und HSV-2 unterscheidet. HSV-1 verursacht Infektionen im Bereich des Gesichtes und des Mund-Nasen-Rachenraumes (Lippenherpes oder Herpes labialis), HSV-2 wird hingegen häufiger bei Infektionen im Genitalbereich gefunden (Genitalherpes oder Herpes genitalis). 




Abbildung 2: Herpes labialis oder Lippenherpes. Die Infektion ist durch virushaltige Bläschen im Bereich der Lippen oder Mundschleimhaut gekennzeichnet (19).

Foto: J. Reichling


Circa 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung sind mit HSV-1 kontaminiert, wobei nur bei 20 bis 40 Prozent der Betroffenen die Krankheit mehr oder weniger regelmäßig ausbricht. Das Krankheitsbild von Herpes labialis zeichnet sich durch bläschenförmige Exantheme (Bläschen oder Vesikel) in der Region der Mundschleimhaut aus, die am Ort des Ausbruchs einen erheblichen Juckreiz verursachen können (Abbildung 2). Die Abheilungsphase dauert acht bis zehn Tage, wobei die Bläschen aufplatzen und verkrusten. HSV-1 persistiert lebenslang im Organismus vor allem in den Nervenganglien des Trigeminusnerves (Nervus trigeminus), und die Symptome treten periodisch an der Stelle der ehemaligen Infektion immer wieder auf. Zur lokalen Behandlung von rezidivierenden Lippenherpes-Episoden werden neben Nucleosidanaloga wie Aciclovir und Penciclovir auch pflanzliche Mittel wie Extrakte aus der Melisse und ätherische Öle eingesetzt.

 

In kürzlich durchgeführten In-vitro-Studien wurden sowohl Olbas als auch die Basisöle, Cajeputöl, Eukalyptusöl und Pfefferminzöl auf ihre potenziellen anti-HSV-1 Wirkungen untersucht (8 bis 10). Um die Wirkungsweise der oben genannten vier Testöle näher zu charakterisieren, wurden zunächst die Wirtszellen und Viren in unterschiedlichen Phasen des viralen Infektionszyklus mit den maximalen nicht zytotoxischen Konzentrationen der jeweiligen Testöle behandelt. Die Testöle hatten keinen Einfluss auf die intrazelluläre Virusvermehrung und waren auch nicht in der Lage, die Anheftung der Viren an die Wirtszelle zu blockieren. Wurden hingegen die zellfreien Viren vor der Infektion der Wirtszellen mit den Testölen eine Stunde lang vorbehandelt, dann war die Infektiosität der Viren bei allen vier Testölen um 95 bis 99 Prozent reduziert.


Tabelle 2: Die anti-HSV-1 Wirkung von Olbas Tropfen und den drei mengenmäßig vorherrschenden Basisölen, Cajeputöl, Eukalyptusöl und Pfefferminzöl, wurden in einem Zellkultursystem (Affen-Nierenzellen) nach einstündiger Vorbehandlung der zell­freien Viren

Ätherische Öle IC 50 CC 50 SI 
 µg/ml µg/ml  
Olbas Tropfen 1,8 270,0 150,0 
Pfefferminzöl 20,0 140,0 7,0 
Cajeputöl 7,5 54,0 7,2 
Eukalyptusöl 55,0 290,0 5,3 

Das Ergebnis zeigt, dass vor allem die zellfreien Viren äußerst sensibel auf die ätherischen Öle reagieren. Zellfreie Viren kommen im Rahmen des realen Vermehrungszyklus von HSV-1 in der virushaltigen Flüssigkeit der in Abbildung 2 gezeigten Bläschen vor. Diese füllen sich so lange mit virushaltiger Flüssigkeit bis sie aufplatzen und die neu gebildeten Viren freisetzen. Diese Phase der Virusvermehrung ist durch eine hohe Ansteckungsgefahr gekennzeichnet. Durch Verreiben der ausgetretenen virushaltigen Flüssigkeit kann es außerdem zu einer Infektion der umgebenden Gesichtshaut, des Oberkörpers, sogar der Augen kommen.

 

Um die antivirale Aktivität der einzelnen Testöle miteinander vergleichen zu können, wurden in Reihenverdünnungstests sowohl die 50-prozentige zytotoxische als auch die 50-prozentige antivirale Aktivität der verschiedenen Testöle bestimmt (Tabelle 2). Im gewählten Testsystem wurde die Infektiosität der Viren durch Olbas (IC50-Wert: 1,8 µg/ml) deutlich stärker gehemmt als durch die drei Basisöle Pfefferminzöl (IC50-Wert: 20,0 µg/ml), Cajeputöl (IC50-Wert: 7,5 µg/ml) und Eukalyptusöl (IC50-Werte: 55 µg/ml). Die deutlichen Unterschiede in den IC50-Werten der Testöle legen die Vermutung nahe, dass die antivirale Wirkung von Olbas (komplexes Destillat) durch das additive beziehungsweise synergistische Zusammenspiel seiner Bestandteile zustande kommt; valide Daten für diese Annahme gibt es aber derzeit noch nicht. Für die therapeutische Anwendung der Testöle ist der Selektivitätsindex (SI) wesentlich aussagekräftiger als deren 50-prozentige Hemmkonzentrationen (IC50). Der Selektivitätsindex (CC50/IC50) gibt Auskunft über den Abstand zwischen der 50-prozentigen zytotoxischen und 50-prozentigen antiviralen Konzentration einer Substanz, das heißt, je größer der SI-Wert, umso größer ist die antivirale Aktivität einer Substanz im Vergleich zu ihrer zytotoxischen Wirkung (SI-Grenzwert: 4 bis 5). In diesem Zusammenhang sind die erzielten Ergebnisse bemerkenswert. Im Zellkulturtest wurde für Olbas im Vergleich zu den drei genannten Basisölen ein 20- bis 30-mal größerer SI-Wert berechnet. Man kann aus den Ergebnissen der In-vitro-Studien den vorsichtigen Schluss ziehen, dass Olbas bei Lippenherpes (verdünnt oder unverdünnt) relativ sicher und erfolgreich angewendet werden kann.


Tabelle 3: Veränderungen der Kopfschmerzintensität und der Behinderung durch Kopfschmerz während des Therapiezeitraumes von vier Stunden ausgedrückt in Skalenteilen von 1,0 bis 3,0 (verändert nach 12)

  Placebo (Skalenteile) Paracetamol (Skalenteile) Olbas Tropfen (Skalenteile) 
Kopfschmerz-Intensität Bei Therapie­beginn 2,75 2,66 2,79 
 Nach 1 Stunde 2,54 2,06 2,44 
 Nach 2 Stunden 2,34 1,86 2,08 
 Nach 4 Stunden 2,14 1,66 1,82 
Behinderung
durch
Kopfschmerz
 
Bei Therapie­beginn 2,44 2,46 2,41 
 Nach 1 Stunde 2,36 1,92 2,02 
 Nach 2 Stunden 2,12 1,60 1,62 
 Nach 4 Stunden 2,00 1,44 1,45 

Eine erste orientierende klinische Pilotstudie scheint diese Einschätzung zu unterstützen (11). In dieser Studie wurden 30 Patienten mit rezidivierendem Lippenherpes mit individuell unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit vier- bis achtmal täglich mit unverdünntem Olbas behandelt. Die auf die betroffene Stelle applizierte Menge war so bemessen, dass ein deutlicher Flüssigkeitsfilm zu sehen war. Die Zeitspanne bis zur völligen Abheilung der Herpesbläschen lag bei 28 Patienten unabhängig vom Entwicklungsstadium der Effloreszenz (Herpesbläschen) bei zwei bis sechs Tagen (Median 3,6 Tage). Die Schmerzen waren bei allen Patienten bereits am ersten Behandlungstag abgeklungen. Eine Nachbeobachtung der Patienten lässt auf eine deutliche Senkung der Rezidivquote schließen.

 

Um die insgesamt positiven Ergebnisse der Pilotstudie zu bestätigen und um eine breitere Basis für die sichere Anwendung von Olbas bei rezidivierenden Lippenherpes-Episoden zu schaffen, wäre eine etwas umfangreichere kontrollierte klinische Studie wünschenswert.

 

Gegen Spannungs­kopfschmerz

 

Der Spannungskopfschmerz (Kopfschmerz vom Spannungstyp) kommt in der deutschen Bevölkerung relativ häufig vor (13 bis 66 Prozent), wobei Männer seltener betroffen sind als Frauen. Er tritt als beidseitiger Kopfschmerz an Schläfen, Stirn oder Nacken mit dumpf drückendem Charakter auf. Er ist nicht pulsierend oder pochend wie der Migräneschmerz und wird bei körperlicher Aktivität nicht schlimmer. Die pathophysiologischen Hintergründe sind weitgehend ungeklärt, disponierende Faktoren sind unter anderem Depressionen, Angststörungen, psychosozialer Stress, Schlafdefizit.

 

In einer unizentrischen, randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie im Cross-over-Design wurde die Wirkung von Olbas im Vergleich zu Paracetamol und Placebo beim Spannungskopfschmerz (insgesamt 114 Kopfschmerzattacken bei 38 Patienten) näher untersucht (12). Die Behandlung der einzelnen Attacken erfolgte mit unverdünntem Olbas, einer geruchlich verblindeten ethanolischen Placebo-Lösung, der Spuren von Olbas zugesetzt waren sowie mit zwei Kapseln Paracetamol (je 5oo mg) oder wirkstofffreien Placebo-Kapseln. Das Öl wurde großflächig auf Stirn und Schläfen der Patienten aufgetragen und dies 15 beziehungsweise 30 Minuten nach Behandlungsbeginn wiederholt.

 

Bei Patienten, die mit Olbas oder Paracetamol behandelt wurden, zeigte sich im Vergleich zur Schmerzintensität vor Behandlungsbeginn schon 45 Minuten nach deren Anwendung eine signifikante Reduktion der Kopfschmerz­intensität, die sich über den gesamten Beobachtungszeitraum von vier Stunden weiter fortsetzte. Bei Patienten, die mit der Placebo-Lösung behandelt wurden, setzte die Reduktion der Kopfschmerzintensität wesentlich später ein und führte erst vier Stunden nach Applikation der Prüfmedikation zu einer spürbaren Erleichterung (Tabelle 3). Vergleicht man die Absolutwerte der Kopfschmerzintensitäten der drei Behandlungsmethoden (Gruppenvergleich) über den gesamten Behandlungszeitraum miteinander, dann führte nur die Behandlung mit Paracetamol gegenüber der Placebo-Therapie zu einer signifikant größeren Reduktion der Kopfschmerzintensität. Andererseits zeigte der zeitliche Verlauf der Veränderung der Kopfschmerzintensität, dass die Olbas-Behandlung tendenziell zu einer stärkeren Reduktion der Kopfschmerzintensität führte als vergleichsweise die Placebo-Therapie.




Beim Prüfparameter Behinderung durch Kopfschmerz führte sowohl die Behandlung mit Paracetamol als auch die Behandlung mit Olbas schon 30 Minuten nach Therapiebeginn im Vergleich zur Gabe von Placebo zu einer statistisch signifikant größeren Reduktion der kopfschmerzbedingten Behinderung. Die statistisch signifikanten Therapieunterschiede beider Behandlungsmethoden gegenüber Placebo setzten sich über den gesamten Beobachtungszeitraum weiter fort. Darüber hinaus traten auch bei diesem Prüfparameter keine signifikanten Therapieunterschiede zwischen der Olbas-Behandlung und Paracetamol-Behandlung auf. In allen drei Behandlungskonzepten wurden zu keiner Zeit unerwünschte Arzneimittelwirkungen registriert.

 

Bei akuten Erkältungskrankheiten

 

Im Spätherbst und Winter treten akute Infektionen der oberen Atemwege (Erkältung, grippaler Infekt) wieder verstärkt in der Bevölkerung auf. Typischerweise ist der Verlauf dieser Erkrankung durch Schnupfen, Husten, Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen sowie durch eine erhöhte Temperatur gekennzeichnet. Eine Erkältung beziehungsweise ein grippaler Infekt wird in der Regel durch Viren verursacht. Da neben Rhino-, Corona- und Adenoviren noch zahlreiche weitere Virustypen eine gewöhnliche, unkomplizierte Erkältungskrankheit verursachen können, stehen bis heute weder Arzneimittel noch eine Impfung zur Verfügung, die in der Lage sind, die Ursache der Erkrankung wirksam zu bekämpfen. Bei unkompliziertem Verlauf klingt ein banaler grippaler Infekt nach sieben bis zehn Tagen ohne Komplikationen wieder ab. Bei einer Erkältungskrankheit profitiert der Patient besonders von Arzneimitteln mit antimikrobieller, hustenreizlindernder, entzündungshemmender, expektorierender, sekretolytischer und spasmolytischer Wirkung. Eine ganze Reihe von ätherischen Ölen erfüllen diese Kriterien; unter anderem Anisöl, Cajeputöl, Eukalyptusöl, Fenchelöl, Latschenkiefernöl, Pfefferminzöl, Thymianöl. Ihr erfolgreicher Einsatz zur Symptomlinderung bei banalen Erkältungskrankheiten im Bereich der oberen Atemwege steht außer Zweifel (13, 14). Im Olbas-Destillat sind hauptsächlich die Basisöle Pfefferminzöl, Cajeputöl und Eukalyptusöl vertreten, wodurch sich die traditionelle Anwendung des Ätherischöl-Präparates bei unkomplizierten Erkältungskrankheiten plausibel erklären lässt.

 

In einer multizentrischen, einfachblinden, Placebo-kontrollierten Feldstudie wurde die therapeutische Wirksamkeit des Präparates bei Patienten (Männer und Frauen im Alter von 18 bis 65 Jahren) mit Erkältungszuständen der oberen Atemwege eingehender untersucht (15). Die Diagnose lautete: »Fieberhafter katarrhaler Infekt der oberen Luftwege mit wahrscheinlich grippaler Ätiologie«. Insgesamt wurden 20 Patienten mit Olbas und 20 Patienten mit einem Placebopräparat über sieben Tage behandelt. Die Patienten der Verumgruppe wurden dreimal täglich auf der Brust mit fünf Tropfen Olbas eingerieben und mussten sich zusätzlich einer Dampfinhalation (zehn Tropfen Olbas in 1,5 L heißem Wasser) unterziehen. Die Placebo-Patienten nahmen zweimal täglich eine Tablette (ohne Wirkstoff) mit 100 ml Wasser ein. Am siebten Tag der Behandlung zeigte sich in beiden Behandlungsgruppen eine Besserung der subjektiven Beschwerden wie reduzierter Allgemeinzustand, Kopfschmerz, reduzierter Appetit und Husten (Tabelle 4), wobei die Reduktion der Symptomatik bei den Olbas-Patienten im Vergleich zur Placebogruppe deutlicher ausfiel, aber kein Signifikanzniveau erreichte. Bis auf eine vorübergehende Hautrötung bei einem Patienten traten keine Nebenwirkungen auf.




Bei Wundheilungsstörungen

 

Ätherische Öle werden in der Aroma- und Phytotherapie in verschiedenen Anwendungs- und Darreichungsformen zur Förderung der Wundheilung eingesetzt, wie als medizinische Bäder, Tinkturen, Salben, Cremes oder gelöst in fetten Trägerölen (zum Beispiel in Johanniskrautöl, Weizenkeimöl). Die Auswahl der ätherischen Öle orientiert sich an deren entzündungshemmenden, durchblutungsfördernden, schmerzstillenden, antimikrobiellen und die Wundheilung fördernden Eigenschaften. Die Belege für eine wundheilungsfördernde Wirkung ätherischer Öle basieren in der Regel auf Fallstudien oder anekdotischen Berichten, weniger auf kontrollierten klinischen Studien (16).



Eine solche wurde mit Olbas am Klinikum der Universität München-Großhadern im Zeitraum von Oktober 1997 bis Januar 2000 durchgeführt. Dabei wurden in einer pro­spek­ti­ven, kontrollierten, randomisierten klinischen Ver­gleichs­studie insgesamt 103 ambulante und stationäre Patienten (Alter ≥ 18 Jahre) aller ethnischen Gruppen mit infizierten und gestört heilenden Wunden entweder mit Olbas (33 männliche/ 20 weibliche Patienten) oder einer vorher festgelegten Standardtherapie (30 männliche/20 weibliche Patienten) vergleichend behandelt (17). 



Die Patienten wurden nach der Eingangsuntersuchung über einen Zeitraum von sieben Wochen beziehungsweise bis zum Abheilen der Wunde betreut. Während dieser Zeit wurde der Wundzustand (Wundheilungsverlauf) kontinuierlich schriftlich und fotografisch dokumentiert. In die Studie wurden Patienten mit folgenden Wundarten aufgenommen: Diabetische Ulcera, Ulcus crusis venosum, Makroangiopathie, posttraumatische/postoperative Wunden, Abzesse. 




Abbildung 3: Bilddokumentation über den erfolgreichen Wundheilungsverlauf nach Olbas-Behandlung bei einem 79-jährigen Patienten mit infizierter Wunde am Oberschenkel nach Spalthauttransplantation bei chronischer Cortison-Behandlung. 3a: Beginn der Behandlung; 3b: nach zehn Tagen; 3c: nach 40 Tagen (17).

Fotos: A. Tarabichi


In beiden Patientenkollektiven wurden chirurgische debridierende Maßnahmen bei klarer Indikation sowie Wundreinigung bei jedem Verbandswechsel vorgenommen. Die Wundbehandlung erfolgte je nach Wundbefund zwischen einmal täglich und dreimal wöchentlich. In der Olbas-Gruppe wurde das ätherische Öl bei oberflächlichen Wunden unverdünnt auf die Wundfläche und auf die Innenseite des Wundverbandes (circa 1 ml) appliziert, bei tiefen, fistelbildenden Wunden wurde ein Gemisch aus Olbas und Vollelektrolytlösung (1:20) in den Wundgrund instilliert. Die Kontrollgruppe (Standardtherapie) wurde mit folgenden Präparaten behandelt: PVP-Jodlösung, PVP-Jodsalbe, Isopropanol, Fibrolan®, Viridase®, Iruxol® oder Jodform® Gaze. In Tabelle 5 sind die Wundheilungsraten getrennt für die fünf Wundtypen nach Ablauf der siebenwöchigen Studiendauer aufgeführt. Der überwiegende Teil der Patienten wies infizierte posttraumatische beziehungsweise postoperative Wunden auf. Bei diesem Wundtyp zeigte sich eine statistisch signifikante Überlegenheit der Olbas-Behandlung gegenüber der Standardtherapie. Aufgrund der geringen Patientenzahlen konnte bei den vier anderen Wundtypen kein Unterschied zwischen den beiden Therapieoptionen festgestellt werden. In Abbildung 3 ist beispielhaft der erfolgreiche Wundheilungsverlauf nach Olbas-Therapie bei einem 79-jährigen Patienten dokumentiert, dessen Wunde sich nach einer Spalthauttransplantation mit Bakterien infizierte. Das positive Gesamtergebnis ist nicht zuletzt auf das relativ breite antibakterielle Wirkungsspektrum von Olbas zurückzuführen.

 

Die klinische Vergleichsstudie hat gezeigt, dass Patienten mit posttraumatischen beziehungsweise postoperativen Wundheilungsstörungen eindeutig von einer Olbas-Therapie profitieren. Entgegen der allgemein vertretenen Ansicht, dass ätherische Öle bei Kontakt mit Wunden zu Schmerzreaktionen führen, war eine solche Reaktion für Olbas nicht zu beobachten. Die Anwendung des Ätherischöl-Präparats wurde vielmehr als angenehm empfunden. Das Gesamtergebnis bestätigt somit einzelne Fallstudien und anekdotische Berichte zur positiven wundheilungsfördernden Wirkung von ätherischen Ölen. Aufgrund der insgesamt positiven Ergebnisse wären weitere Studien angezeigt, um die wundheilungsfördernde Wirkung von Olbas auf ein breiteres Fundament zu stellen.

 

Schlussfolgerungen

 

Traditionelle pflanzliche Arzneimittel werden überwiegend in der Selbstmedikation verwendet. Die Plausibilität ihrer ausgelobten Anwendungsgebiete beruht dabei ausschließlich auf einer langjährigen Erfahrung und Anwendungspraxis. Da solchen Arzneimitteln ein klinischer Wirksamkeitsbeleg fehlt, werden sie häufig als Arzneimittel mit geringer therapeutischer Bedeutung angesehen. Wie jedoch das Beispiel Olbas Tropfen zeigt, kann die Forschung an traditionellen Arzneimitteln dazu beitragen, deren traditionelle Anwendungsgebiete durch Forschungsdaten zu untermauern sowie das Vertrauen von Ärzten, Therapeuten und Anwendern in deren Wirksamkeit zu stärken. /

 

 

Literatur 

  1. Bielefeld JG. Das Basler Öl des Walther Schoenenberger. Reform-Rundschau 2002; 12: 18
  2. Günther E. OLBAS – Dein Schutzengel in gesunden und kranken Tagen. Prana-Verlag, Pfullingen in Württ. 1932
  3. Deutsche Olbas GmbH: OLBAS (Oleum Basileum) (Basler Oel), sein Wesen, seine Wirkung und seine Anwendung als Haus-, Heil- und Vorbeugungsmittel. Johannes Baum Verlag, Pfullingen in Württ. 1930
  4. Gebrauchsinformation der Deutschen Olbas GmbH, Magstadt, Reg.-Nr. O 628
  5. Reichling J, Schnitzler P, Suschke U, Saller R. Essential oils of aromatic plants with antibacterial, antifungal, antiviral, and cytotoxic properties – an overview. Forsch Komplementmed 2009; 16: 79-90
  6. Reichling J. Antibacterial and antiviral effects of aromatic plant derived essential oils – a scientific and medicinal approach. In: Rai M et al. (Hrsg.). Medicinal plants: biodiversity and drugs. CRC Press, Boca Rato, London, New York, 2012; p. 622-640
  7. Hamoud R., Sporer F, Reichling J, Wink M. Antimicrobial activity of a traditionally used complex essential oil distillate (Olbas® -Tropfen) in comparision to its individual essential oil ingredients. Phytomed 2012; 19: 969-976
  8. Heidary Navid M, Reichling J, Schnitzler P. Antiherpetic activity of the traditionally used complex essential oil Olbas®. Pharmazie 2013; 68: 702-705
  9. Schumacher A., Reichling J., Schnitzler P.: Virucidal effect of peppermint oil on the envelope viruses herpes simplex virus type 1 and type 2 in vitro. Phytomedicine 2003; 10: 504-510
  10. Schnitzler P, Schön K, Reichling J: Antiviral activity of Australian tea tree oil and eucalyptus oil against herpes simplex virus in cell culture. Pharmazie 2001; 56: 343-347
  11. Greither O, Heiss MM, Tarabichi A. Topische Anwendung von ätherischen Ölen zur Therapie von Herpes labialis. EP (Europäisches Patent) 1349561 A2/ 2003
  12. Göbel, H., Heinze, A., Lurch, A., Dworschak, M.: OLBAS in der Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp. Z. Allg. Med. 1998; 74: 223-228
  13. Steflitsch W, Wolz D, Buchbauer G (Hrsg.): Aromatherapie in Wissenschaft und Praxis. Stadelmann Verlag, Wiggensbach, 2013
  14. Schilcher H, Kammerer S, Wegener T. Leitfaden Phytotherapie, 4. Aufl., Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, München, 2010
  15. Hansen B, Babiak G, Schilling M, Rengstorf A, Jaeger H, Tzonev Iv, Rasper J, Schoenenberger H. Olbas Tropfen bei akuten Erkältungskrankheiten. Klinische Untersuchung der therapeutischen Wirkung von Olbas Tropfen bei Patienten mit akuten Erkältungskrankheiten der oberen Luftwege. Therapiewoche 1984; 34: 2015-2019
  16. Steflitsch W. Wundbehandlung mit ätherischen Ölen nach operativer Sanierung eines chronischen Abszesses. Forsch Komplementmed 2009; 16: 400-403
  17. Böhm M. Randomisierte klinische Vergleichsstudie zur Bedeutung eines Destillates ätherischer Öle in der chirurgischen Wundbehandlung. Dissertation, Medizinische Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität München, München 2000
  18. Aus dem Bildarchiv der Deutschen Olbas GmbH, Magstadt
  19. Reichling J. Ätherische Öle gegen Lippenherpes (Herpes labialis). Aromareport 2012; 08: 3-8


Kontakt

Professor Dr. Jürgen Reichling
Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie
Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 364
69120 Heidelberg
E-Mail: Juergen.Reichling(at)urz.uni-heidelberg.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2014

 

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