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Trotz Medikamenten

Immunologischer Gedächtnisverlust durch HIV

Eine antiretrovirale Therapie (ART) führt bei HIV-Patienten zu einer Erholung der CD4+-Zellen. Doch diese haben durch die Infektion möglicherweise einen Teil ihres Gedächtnisses verloren, legt jetzt eine Studie nahe.
Annette Mende
08.01.2020
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Das HI-Virus befällt insbesondere T-Lymphozyten, die das Oberflächenmerkmal CD4 tragen (CD4+-Zellen). Diese werden durch die Infektion zerstört. Die Zahl der CD4+-Zellen dient deshalb als Maß für die Güte einer ART: Ist die medikamentöse Unterdrückung der Virusreplikation effektiv, sind viele CD4+-Zellen vorhanden; greift die ART schlecht, gibt es nur wenige CD4+-Zellen im Blut.

Die Zahl der CD4+-Zellen ist dabei aber offenbar nicht alles. Eine jetzt im »Journal of Infectious Diseases« veröffentlichte Studie legt nahe, dass auch bei hoher CD4+-Zellzahl das Immunsystem von HIV-Patienten, genauer gesagt die Gedächtnisfunktion desselben, beeinträchtigt sein könnte. Die Autoren um Archana Thomas von der Oregon Health & Science University in Beaverton, USA, beschreiben das Phänomen in einer begleitenden Mitteilung als »HIV-assoziierte Immunamnesie«.

Untersucht hatten die Forscher je 50 gematchte HIV-negative und HIV-positive Frauen unter ART, bei denen sie experimentell eine Immunantwort auslösten. Auf die unspezifische Immunstimulation reagierten beide Gruppen bezüglich der Zahl der expandierten CD4+-Zellen gleich. Provozierten die Forscher jedoch eine spezifische Immunantwort auf das Pockenvirus, gegen das alle Teilnehmerinnen als Kinder geimpft worden waren, zeigte sich bei den HIV-Patientinnen ein signifikanter Verlust der CD4+-Gedächtnisfunktion, während die CD8+-Gedächtnisfunktion intakt war.

Eine HIV-Infektion löscht das CD4+-Gedächtnis für Infektionen und Impfungen, die der Patient vor der Infektion durchgemacht beziehungsweise erhalten hat, so die Schlussfolgerung der Autoren. »Das macht die Patienten nicht nur potenziell anfällig für diese schweren Erkrankungen, sondern auch für andere chronische Infektionen und eine chronische Entzündung, die letztlich ihr Leben verkürzen kann«, erläutert Seniorautor Professor Dr. Michael Augenbraun von der Suny Downstate Health Science University in New York City, USA. Er schränkt jedoch ein, dass in dieser Studie lediglich die Reaktion bestimmter Immunzellen auf einen Stimulus untersucht wurde und nicht eventuelle klinische Auswirkungen.

In weiteren Studien solle untersucht werden, wie HIV-Patienten auf eine erneute Pockenimpfung oder auch andere Impfungen reagieren. Aus seiner Sicht unterstreicht die Studie aber auch, dass Patienten nach einer HIV-Infektion möglichst früh mit einer ART beginnen sollten, bevor ihr Immunsystem größeren Schaden genommen hat.

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