| Annette Rößler |
| 07.07.2026 16:20 Uhr |
Essen kann glücklich machen. Steht beim Essen jedoch zu häufig der emotionale Aspekt im Vordergrund, droht Übergewicht. / © Getty Images/Farknot_Architect
Frust, Stress, Einsamkeit oder Langeweile – alle diese Gefühle können Auslöser für das sogenannte emotionale Essen (EE) sein. Und weil Chips, Schokolade oder andere fett- und zuckerreiche Lebensmittel deutlich besser trösten als Vollkornbrot und Salat, droht häufig Übergewicht, wenn Emotionen statt Hunger der Auslöser für die Nahrungsaufnahme sind. Das gilt vor allem dann, wenn Betroffene die Kontrolle über ihr Essverhalten verlieren und in kürzester Zeit große Mengen meist ungesunder Lebensmittel verzehren, sie also Binge Eating (BE) betreiben.
Bei Frauen im gebärfähigen Alter kann unter anderem das Auf und Ab der Geschlechtshormone im Zyklusverlauf eine Rolle beim BE spielen. So konnte gezeigt werden, dass nach dem Eisprung, wenn sowohl Estrogen als auch Gestagen erhöht sind, die Tendenz zu BE-Episoden steigen kann. Ob dieser Effekt vorhanden und wie stark er ausgeprägt ist, ist jedoch individuell unterschiedlich.
Im Fachjournal »JAMA Network« berichtet nun ein Team um Professor Dr. Kelly L. Klump, klinische Psychologin an der Michigan State University in East Lansing, dass auch exogene weibliche Geschlechtshormone EE und BE verstärken können. Die Forschenden stellten dies in einer Beobachtungsstudie mit 422 Frauen fest, die monophasische kombinierte orale Kontrazeptiva anwendeten. Diese Form der »Pille« ist die gebräuchlichste; sie beinhaltet eine Kombination aus einem Estrogen und einem Gestagen in gleichbleibender Dosierung, die pro Zyklus drei Wochen lang angewendet wird, gefolgt von einer hormonfreien Tablette über eine Woche.
Im Rahmen der Studie füllten die Teilnehmerinnen während zwei Einnahmezyklen (49 Tage lang) jeden Abend ein detailliertes Online-Ernährungstagebuch aus. Bei der Auswertung der Daten diente jede Probandin als ihre eigene Kontrolle. Geschaut wurde, ob sich die Tendenz zu EE an Tagen mit Hormoneinnahme von hormonfreien Tagen unterschied. Dies war der Fall: Unter exogener Hormonzufuhr neigten die Frauen signfikant stärker zum Essen aus emotionalen Gründen. Dies traf auch auf eine Subgruppe von 51 Teilnehmerinnen mit klinisch definierten BE-Episoden zu.
Die Unterschiede beim EE zwischen Tagen mit Hormoneinnahme und hormonfreien Tagen blieben auch bestehen, wenn die Forschenden den Einfluss eines negativen Affekts herausrechneten. »Das sagt uns, dass die Hormone selbst eine größere Rolle spielen könnten als die Stimmung und andere Faktoren«, erläutert Co-Autorin Professor Dr. Shaunna Clark von der Texas A&M University in College Station in einer Mitteilung dieser Universität. Hohe Spiegel der weiblichen Geschlechtshormone könnten demnach die Bereitschaft zu EE verstärken, ohne selbst negative Emotionen auszulösen.
Wie bei den natürlichen Hormonen war auch bei den oralen Kontrazeptiva der Einfluss auf das Essverhalten von Frau zu Frau unterschiedlich groß. Die Forschenden regen weitere Studien an, um zu erkunden, welche Faktoren für hormonabhängiges EE prädestinieren, und betroffenen Frauen mögliche alternative Verhütungsmethoden vorzuschlagen.