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Jahrbuch Sucht
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Hohe Dunkelziffer bei Medikamentensucht

Die Zahl der Medikamentenabhängigen lässt sich nur schwer beziffern. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Zugleich sieht sie einen längerfristigen Anstieg beim Cannabiskonsum, auch hinsichtlich des problematischen Gebrauchs.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 17.04.2026  14:00 Uhr

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat ihr neues Jahrbuch Sucht vorgelegt. Einen Schwerpunkt setzt sie dabei auf die legale Droge Alkohol. Doch auch Medikamente behält die Organisation im Blick. Es bestünden erhebliche Schwierigkeiten, exakte Zahl der Arzneimittelabhängigkeit zu ermitteln. »Da die Abhängigkeit vielfach weder ärztlicherseits noch von den Betroffenen erkannt wird, liegen hierzulande nur Schätzungen zur Anzahl der medikamentenabhängigen Menschen vor«, teilte die DHS am heutigen Donnerstag mit. Hochrechnungen gehen von 1,5 bis 1,9 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland aus. »Obwohl medikamentenabhängige Menschen zumeist in engem Kontakt mit dem medizinischem Versorgungssystem sind, befindet sich nur ein winziger Teil in spezifischer Suchtbehandlung«, informiert die DHS.

Sie schätzt, dass vier bis fünf Prozent der häufig verordneten Arzneimittel ein Abhängigkeitspotenzial haben. In ihrer Pressemitteilung nennt sie explizit Benzodiazepine und Z-Substanzen als Hauptursache für Medikamentenabhängigkeit in Deutschland. Sie würden entgegen der offiziellen Empfehlungen immer noch zu häufig langfristig und insbesondere älteren Menschen verschrieben. Dabei sinken zwar die Verordnungszahlen zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kontinuierlich – und damit die klar nachvollziehbare Menge. Diese Arzneistoffe werden aber bekanntlich in großem Umfang auch GKV-Versicherten auf Privatrezept verordnet. Daran scheint sich nichts geändert zu haben.

Im Gegensatz dazu seien die GKV-Verordnungszahlen für Opioide gestigen. Sie seien die zweitwichtigste Gruppe süchtig machender Medikamente. Fentanyl, auch in Pflasterform, spiele dabei eine wichtige Rolle. Die DHS erinnert daran, dass Opioide bei Schmerzen unklarer oder psychogener Ursache kontraindiziert sind.

Grundlagen einer sicheren Verordnung bei Abhängigkeitspotenzial

Eine sichere Verordnung von Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial beinhalte folgende Punkte:

  • einen Gesamtbehandlungsplan
  • eine sorgfältige vorherige Abklärung der Suchtanamnese und Aufklärung über das Abhängigkeitsrisiko
  • eine präzise Definition und Überprüfung des Behandlungsziels
  • eine von Beginn an festgelegte kurze Behandlungsdauer

Von Verordnungen »nach Bedarf« rät die DHS ab.

Besonders gefährdet für eine Medikamentenabhängigkeit sind Patientinnen und Patienten, die sich mit unspezifischen psychischen oder körperlichen Beschwerden vorstellen – zum Beispiel Klage über Überforderung, Schlafstörungen, Erschöpfung, Unruhe, Nervosität und Ängste, Konzentrationsstörungen, Grübeln, Schwindel und Herzrasen. Stärker gefährdet sind zudem Menschen mit Süchten in der Vorgeschichte (inklusive Nikotin), Patienten mit psychiatrischen Komorbiditäten (insbesondere Depressionen, Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen) und ältere Menschen. »Auch Angehörige medizinischer Berufe tragen aufgrund ihrer Vertrautheit mit Medikamenten und des vereinfachten Zugangs ein erhöhtes Risiko«, wird gewarnt.

»Ein charakteristisches Verhalten medikamentenabhängiger Menschen ist, sich den Suchtstoff von einer Vielzahl verschiedener Ärztinnen und Ärzte verschreiben zu lassen und ihn über wechselnde Apotheken zu beziehen«, heißt es im Jahrbuch Sucht. Die fehlende zentrale Dokumentation im deutschen Gesundheitssystem ermögliche es erst, dass die verschiedenen Arztpraxen und Apotheken nicht voneinander wissen. »Eine verpflichtende elektronische Patientenakte für alle und ein verpflichtendes Primärarztsystem könnten diesem Problem entgegenwirken.«

Langfristiger Aufwärtstrend bei Cannabis hält an

Beim Cannabiskonsum sieht die DHS einen längerfristigen Aufwärtstrend – auch beim problematischen Gebrauch. 5,1 Millionen Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren (9,8  Prozent) hätten angegeben, Cannabis in den vergangenen zwölf Monaten konsumiert zu haben, darunter mehr Männer als Frauen. Die Prävalenz hinsichtlich Missbrauch oder Abhängigkeit liege bei 1,8 Prozent (Männer) beziehungsweise 1,1 Prozent (Frauen).

Im 10-Jahres-Trend sei der THC-Gehalt von Cannabiskraut um 41 Prozent angestiegen. So stieg der durchschnittliche Wirkstoffgehalt von Blütenständen auch von 2023 auf 2024 noch einmal leicht von 14,4 auf 14,8 Prozent, beim Harz (Haschisch) sank er leicht von 26,6 auf 26,0 Prozent. Der Straßenpreis lag relativ konstant bei etwa 10 Euro pro Gramm.

Zwar sei nach jahrelangem Anstieg die Zahl der Personen, die die Suchthilfe ambulant in Anspruch nahmen, erstmals gesunken (von 26.633 Fällen im Jahr 2023 auf 22.231 im Jahr 2024), doch stieg die Zahl der stationären Behandlungen weiter an: von 3056 auf 3430 Fälle.

Illegale Drogen, wozu Cannabis in Deutschland seit 2024 nicht mehr gehört, konsumierten den Schätzungen zufolge 3,7 Prozent der Erwachsenen in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal. Am häufigsten waren es Kokain/Crack und MDMA (Ecstasy). Im Zeitraum von 2011 bis 2023 zeigte sich bei Jugendlichen keine Veränderung der 12-Monats-Prävalenzen des Konsums illegaler Drogen, während bei Erwachsenen ein Anstieg zu verzeichnen war.

»Sucht betrifft uns alle – und ist weiter verbreitet, als viele denken«, so DHS-Geschäftsführer Dr. Peter Raiser. »Die Folgen von Abhängigkeitserkrankungen spüren wir in allen gesellschaftlichen Bereichen.« Es müsse mehr getan werden. Dabei müsse Suchtpolitik evidenzbasiert und frei von Ideologien sein. Suchterkrankungen sollten dazu entstigmatisiert werden.

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