Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Kundgebung in Fulda
-
Hessische Apotheken werden laut

Am heutigen 23. März blieben viele Apotheken geschlossen, die Apothekenteams versammelten sich zum gemeinsamen Protest für eine Honorarerhöhung. Auch im hessischen Fulda gab es eine Kundgebung.
AutorKontaktJuliane Brüggen
Datum 23.03.2026  16:00 Uhr

Beim Heraustreten aus dem Hauptbahnhof bot sich den Reisenden in Fulda ein beeindruckendes Bild: Ab 11 Uhr versammelten sich zahlreiche Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz – in Kitteln und Warnwesten, mit kreativen Schildern und Trillerpfeifen. Schätzungsweise waren es 500 bis 600 Demonstrierende, die sich bei strahlendem Sonnenschein laut bemerkbar machten. »Apotheken kaputt sparen? Mit uns nicht!« war auf vielen Plakaten zu lesen. Auch der pharmazeutische Großhandel Sanacorp war mit einem Stand vertreten, ebenso das ARZ Darmstadt.

»Es ist der stete Tropfen, der den Stein höhlt«, sagte Apothekeninhaber Bastian Zellmer aus Ebersburg-Schmalnau der PZ. »Wir müssen regelmäßig daran erinnern, wofür wir Apotheken stehen, was wir Apotheken leisten und dass zu einer vernünftigen Arbeit einfach ein vernünftiger Lohn gehört.« Er freue sich, dass sein Team vor Ort sei, obwohl nicht alle heute hätten arbeiten müssen. Von ihrer Zukunftsangst berichtete eine PTA. Denn besonders in ländlichen Apotheken sei die Situation angespannt, der persönliche Kontakt für die Menschen dort so wichtig. 

Organisiert wurde die Kundgebung von osthessischen Apothekern. Gleichzeitig fanden die von der ABDA angekündigten Aktionen in Berlin, Düsseldorf, Hannover und München statt. »Hessen ist mit dabei im gleichen Atemzug«, so Dr. Christian Gerninghaus, Apothekeninhaber, der die Veranstaltung moderierte. »Wir haben seit dem Jahr 2000 einen deutlichen Schwund an Apotheken, fast jede vierte Apotheke ist verloren. Das liegt daran, dass wir nicht so bezahlt werden, dass wir wirtschaftlich arbeiten können.«

Hessen setzt ein Zeichen

Maximilian Traut, Apothekeninhaber aus Fulda, der die Organisation federführend übernahm, erklärte im Gespräch mit der PZ, die Kundgebung in Fulda solle ein sichtbares Zeichen für die Menschen vor Ort setzen. Zur Resonanz sagte er: »Ich bin hin und weg. Der Zuspruch aus ganz Hessen ist gigantisch.«

Zu den Protestierenden in Fulda sprachen unter anderem Holger Seyfarth, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes (HAV), Dr. Schamim Eckert, Vizepräsidentin der Hessischen Apothekerkammer, und verschiedene Vertreter der Landespolitik wie Dr. Ralf-Norbert Bartelt (CDU) und Yanki Pürsün (FDP) sowie Carolin Eichhorn von der Freien Apothekerschaft.

»Die Politik muss jetzt wirklich liefern und nicht weiter Versprechungen machen«, sagte Holger Seyfahrth zu den Protestierenden. Und an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gerichtet: »Wir warten!« Sie habe die Honorarerhöhung auf 9,50 Euro per Verordnung im Frühling versprochen. Dieser habe am 21. März kalendarisch begonnen. Die 9,50 Euro müssten zudem auch als Startpunkt für die zukünftigen Verhandlungen mit der GKV festgesetzt werden. Für Apotheken entscheidend sei außerdem die Skonti-Freigaben. Seyfarth bemerkte, dass die kürzlich eingesetzte Finanzkommission zur Prüfung der Kosten im GKV-System nicht zum »Bremsklotz« werden dürfen.

Pharmazeutische Betreuung »am seidenen Faden«

Der HAV informierte bereits im Vorfeld der Proteste über die Lage der hessischen Apotheken. Zum Stichtag 31. Dezember 2025 habe es in Hessen noch 1273 Apotheken gegeben – 273 Offizinen oder 18 Prozent weniger als noch vor 13 Jahren, als die letzte Erhöhung des Apothekenhonorars von 8,10 auf 8,35 Euro stattfand. Bereits 21 hessische Kommunen hätten keine Apotheke mehr, wodurch rund 76.000 Menschen auf die wohnortnahe Versorgung verzichten müssten. Weitere 174 Kommunen – entsprechend 15 Prozent der hessischen Bevölkerung – seien von Versorgungslücken bedroht, da hier nur noch jeweils eine Apotheke ansässig sei. »Was das für die Zukunft bedeutet, das kann sich jeder denken«, so Seyfarth. »Die pharmazeutische Betreuung hängt am seidenen Faden.«

Schamim Eckert, Vizepräsidentin der LAK Hessen, betonte im Gespräch mit der PZ, dass im Koalitionsvertrag »viele wichtige Dinge für uns« enthalten waren. Nur müsse nun auch die Umsetzung folgen. »Es ist einfach wichtig, dass wir hier diese Forderung unterstützen.« Nach fast 22 Jahren müsse endlich die Honoraranpassung kommen. Die Anpassung im Jahr 2013 von 8,10 auf 8,35 könne man nicht mitzählen, diese falle überhaupt nicht ins Gewicht. »Wir sind hier planwirtschaftlich und systematisch ruiniert worden«, so Eckert. »Es ist wichtig, dass wir auf den letzten Metern nicht aufgeben, sondern Geschlossenheit zeigen.«

Landespolitik unterstützt Apotheken

»Das, was Sie hier machen, ist eine Unterstützung für uns«, sagte Bartelt (CDU). Er empfinde Solidarität mit den freiberuflichen Heilberufen. Diana Stolz, hessische Ministerin für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege, werde sich in Berlin für die Apotheken einsetzen, versprach der Landtagsabgeordnete. Im Gesetzentwurf stehe vieles, was im Sinne der Apotheken sei, so Bartelt, doch die Honorarerhöhung fehle. Auch die bestehenden Lieferengpässe blieben eine Herausforderung, der es entgegenzutreten gelte.

Er sei beeindruckt gewesen, als er aus dem Bahnhof herausgetreten sei, sagte Yanki Pürsün (FDP) zu der Menge. »Ich hoffe, dass aus Fulda und aus anderen Städten in Deutschland heute ein Signal ausgeht, denn Sie sind wichtig für die Gesundheitsversorgung«, sagte der Landtagsabgeordnete. Die FDP habe sich bereits unter Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) dafür eingesetzt, dass dessen Pläne hinsichtlich »Apotheken ohne Apotheker« nicht umgesetzt werden. »Ganz klar ist: Das Honorar muss erhöht und die Bürokratie abgebaut werden.« Auch, dass Versandapotheken andere Wettbewerbsbedingungen hätten, sei »absolut nicht in Ordnung«.

Aufgeben ist keine Option

»Natürlich geht es um mehr Geld, aber auch ganz schlicht um die Wertschätzung unserer Arbeit«, sagte Carolin Eichhorn, Freie Apothekerschaft. Apotheken hätten so viel geleistet, etwa in der Corona-Pandemie, und seien außerdem erste Anlaufstelle für viele Menschen, also »Sozialtankstellen«. Wie wertvoll das sei, merke man erst, wenn es verloren ist. »Wir wissen, dass viele politische Entscheidungsträger unsere Argumente kennen und sich dafür einsetzen. Vor allem die hessischen Politiker tragen dies nach Berlin, setzen sich für uns Vor-Ort-Apotheken ein, vielen Dank! Aufgeben ist keine Option, deswegen sind wir heute hier.«

Mehr von Avoxa