| Annette Rößler |
| 02.07.2026 12:00 Uhr |
Auch Menschen mit einem normalen BMI können zu viel Fettgewebe und bereits Folgeerkrankungen haben. In einer retrospektiven Studie war das bei einem Viertel der Teilnehmenden der Fall. / © Getty Images/Galina Zhigalova
Menschen mit Adipositas haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene Folgeerkrankungen etwa des Herz-Kreislauf-Systems, der Leber, des Stoffwechsels oder auch des Skeletts. Die deutsche S3-Leitlinie definiert Adipositas als eine »über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts, die mit gesundheitlichen Risiken einhergeht«. Der Aspekt der erhöhten Gesundheitsgefahr wird jedoch von der aktuellen Definition der Adipositas ausschließlich anhand des BMI nicht abgebildet.
Eine Expertenkommission im Auftrag des Fachjournals »The Lancet« stellte daher vor gut anderthalb Jahren eine neue Definition der Adipositas vor, die dieses Manko ausgleicht. Sie unterscheidet eine präklinische von einer klinischen Adipositas. Bei der Erstgenannten ist bereits zu viel Fettgewebe vorhanden, aber noch keine darauf zurückzuführende Organstörung oder chronische Krankheit, was bei der klinischen Adipositas jedoch der Fall ist. Zudem bezieht die neue Definition neben dem BMI auch den Taillenumfang, das Verhältnis Taille-Hüfte oder das Verhältnis Taille-Größe mit ein beziehungsweise sieht eine direkte Messung des Körperfetts vor.
Hätten gemäß der neuen Definition mehr Menschen eine klinische Adipositas als nach der alten? Dieser Frage ist ein Team um Dr. Hirsh Elhence von der University of Colorado Anschutz in Aurora, Colorado, nachgegangen. Im Fachjournal »Annals of Internal Medicine« haben die Forschenden ihre Ergebnisse in Form eines Kurzberichts veröffentlicht.
Sie werteten Daten der national repräsentativen US-Kohorte NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey) aus den Jahren 2021 bis 2023 aus. Eingeschlossen waren 5642 nicht schwangere Erwachsene im Alter von durchschnittlich 49 Jahren, ungefähr zur Hälfte Frauen und zur Hälfte Männer. Diese wurden zunächst gemäß der geltenden Definition anhand des BMI eingeteilt in untergewichtig (BMI < 18,5), normalgewichtig (BMI 18,5 bis < 25,0, bei Asiaten 18,5 bis < 23,0), übergewichtig (BMI 25,0 bis < 30,0, bei Asiaten 23,0 bis < 27,5), Adipositas Grad 1 (BMI 30,0 bis < 35,0, bei Asiaten 27,5 bis < 32,5), Adipositas Grad 2 (BMI 35,0 bis < 40,0, bei Asiaten 32,5 bis < 37,5) und Adipositas Grad 3 (BMI ≥ 40,0, bei Asiaten ≥ 37,5).
Anschließend schauten die Forschenden, wie hoch in den einzelnen Kategorien der Anteil der Personen war, die die neue Definition einer klinischen Adipositas erfüllten. Dies war unter den Teilnehmenden mit einem »normalen« BMI bei 26,1 Prozent der Fall und unter denjenigen mit »übergewichtigem« BMI bei 50,3 Prozent.
Aus Sicht der Forschenden untermauern die Ergebnisse die Schwächen des BMI als alleinigem Kriterium zur Definition der Adipositas. Diese sind allerdings hinlänglich bekannt – und waren ja auch ein Grund dafür, dass die »Lancet«-Kommission die neuen Definitionen erarbeitete. Es kommt daher nun darauf an, was aus dieser Information gemacht wird. Richtigerweise empfehlen die Autoren, in künftigen Studien zu untersuchen, ob sich bei Anwendung der neuen Kriterien – und entsprechenden therapeutischen Konsequenzen – tatsächlich die Outcomes von Betroffenen verbessern oder ob nicht vielmehr Überdiagnosen und Überbehandlungen mögliche Folgen sind.