Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Impfen
-
Große Chance für Apotheken

Nach Inkrafttreten des Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetzes (ApoVWG) darf das pharmazeutische Personal in der Apotheke alle Totimpfstoffe verimpfen. Marie Rickmann, Impfapothekerin und Mitarbeiterin des Impfstoffherstellers Pfizer, erklärt im PZ-Interview, warum dies für die Apotheken in mehrfacher Hinsicht eine große Chance darstellt.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 11.09.2026  10:30 Uhr

PZ: Bislang durften Apotheken gegen Grippe und Covid-19 impfen. Künftig dürfen in Apotheken alle Totimpfstoffe verabreicht werden. Macht das einen großen Unterschied?

Rickmann: Definitiv. Statt wie bisher nur in der Herbst- und Wintersaison können Apotheken künftig ganzjährig impfen. Somit haben sie eine ganzjährige Umsatzchance, mit der sie besser planen können. Die Skalierungseffekte, die mit den erweiterten Impfmöglichkeiten einhergehen, werden sicher viele Apotheken, die bisher nicht geimpft haben, dazu bewegen, sich dieses Angebot noch einmal genauer anzusehen. Das ist sehr positiv für die Apotheken und die Versorgung.

PZ: Die Palette an Totimpfstoffen ist sehr breit. In welcher Indikation sehen Sie den größten Bedarf für Impfungen in Apotheken?

Rickmann: Eine sehr große Zielgruppe sind sicher Menschen, die in Risikogebieten für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) leben. Außerdem gibt es große Lücken bei Impfungen gegen respiratorische Erkrankungen, etwa gegen Grippe oder Pneumokokken. Allein gegen diese drei Erreger – FSME- und Influenzaviren sowie Pneumokokken – haben in Deutschland rund 53,9 Millionen Menschen nicht den von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfschutz. Man kann als impfende Apotheke zum Beispiel im Herbst und Winter einen Schwerpunkt auf respiratorische Impfstoffe legen und verstärkt gegen RSV, Grippe, Pneumokokken sowie Covid-19 impfen, während man im Sommer dann vielleicht eher gegen FSME impft. Das Potenzial für dieses Präventionsangebot in Apotheken ist riesig.

PZ: Warum sollten sich denn all diese Menschen, die bisher unzureichend geimpft sind, in der Apotheke impfen lassen?

Rickmann: Die Apotheke ist eine sehr gute Anlaufstelle für viele Menschen, die bisher nicht den Weg in die Arztpraxis gefunden haben, um sich impfen zu lassen. Das haben Modellprojekte und Umfragen gezeigt. Es geht hier um ein ergänzendes, zusätzliches Präventionsangebot. Apotheken und Praxen verfolgen dasselbe Ziel: mehr Menschen wirksam zu schützen. Angesichts der großen bestehenden Impflücken sollten die Apotheken ihre zahlreichen Kontakte – drei Millionen pro Tag – nutzen, um die Patienten noch besser zu schützen.

PZ: Womit sollten Apotheken, die ins Impfen einsteigen wollen, anfangen?

Rickmann: Zunächst müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, also es muss mindestens ein Impfapotheker geschult werden und man braucht einen Raum, in dem man impfen kann, wobei sich dieser auch außerhalb der Raumeinheit Apotheke befinden darf. Für die konkrete Terminplanung kann man ein Buchungstool nutzen. Die Abläufe rund ums Impfen können in Checklisten festgehalten werden und alle im Team sollten über das neue Angebot Bescheid wissen. Dann würde ich mir überlegen, welche Impfungen gut zum Standort passen, um diese verstärkt anzubieten. Wichtig ist auch, die Ärzte in der Umgebung vorher zu informieren, als partnerschaftliches Signal und Angebot zur Zusammenarbeit. Und schließlich ist es essenziell, die Kunden darauf hinzuweisen, dass sie sich nun auch in der Apotheke impfen lassen können, etwa durch gezielte Ansprache, Flyer oder einen Aufsteller.

PZ: Wie groß ist der Zeitaufwand und wie hoch ist die Vergütung?

Rickmann: Am Anfang braucht man natürlich etwas länger, aber wenn die Prozesse optimiert sind, dauert eine Impfung in der Apotheke ungefähr 10 bis 15 Minuten. Die Vergütung hängt vom Impfstoff ab. Seit dem 1. September wird eine Impfung gegen Influenza mit 11,00 Euro, eine Covid-19-Impfung mit Mehrdosenbehältnis mit 13,58 Euro und eine Covid-19-Impfung mit Einzeldosenbehältnis mit 11,53 Euro vergütet. Die Vergütung für die anderen Totimpfstoffe wird gerade ausgehandelt.

PZ: Lohnt sich das?

Rickmann: Auf jeden Fall, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Durch das Impfen werden die pharmazeutischen Berufe aufgewertet – nicht nur der Apothekerberuf, sondern auch Pharmazeuten im Praktikum (PhiP), PTA und Pharmazieingenieure. Dass Angehörige dieser Berufsgruppen nun auch unter Delegation impfen dürfen, ist sehr zu begrüßen. Außerdem erhöht sich durch das Impfen die Besucherfrequenz. Diese Menschen schauen sich auch um in der Apotheke und möglicherweise ergeben sich daraus Zusatzverkäufe. Alles in allem bietet das Impfen für Apotheken also eine Chance für die eigene Positionierung sowohl gegenüber dem Onlineversand als auch für erweiterte Präventionsangebote und für die Wahrnehmung der Vor-Ort-Apotheken als essenzieller Baustein im Gesundheitssystem.

Mehr von Avoxa