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US-Studie
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GLP-1-Rezeptoragonisten senken Risiko für Suchterkrankungen

GLP-1-Rezeptoragonisten, die gegen Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt werden, könnten auch das Risiko für Suchterkrankungen verringern. Darauf deutet eine große US-Studie hin, die vor Kurzem im »British Medical Journal« veröffentlicht wurde.
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 06.03.2026  08:00 Uhr

GLP-1-Rezeptoragonisten – wie Semaglutid oder Tirzepatid– werden zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und zur Gewichtsreduktion eingesetzt (in sogenannten Abnehmspritzen). Sie haben aber auch darüber hinausgehende Effekte. So werden die Wirkstoffe etwa bei Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen, Kniearthrose und metabolisch assoziierter steatotischer Lebererkrankung untersucht. Und auch bei Suchterkrankungen scheinen sie wirksam zu sein. Das ließ sich in Untersuchungen bei Mäusen schon 2023 für den Wirkstoff Semaglutid nachweisen.

So wurde vermutet, dass die Wirkstoffe auch das Belohnungssystem des Gehirns und damit den Konsum von Alkohol, Nikotin oder Cannabis beeinflussen. Nun liegen Daten aus einer großen US-amerikanischen Studie mit Veteranen vor, die im »British Medical Journal« erschienen ist.

Ein Forschungsteam um Miao Cai vom Clinical Epidemiology Center des US-Departments of Veterans Affairs in St. Louis wertete die Gesundheitsdaten von 606.434 Veteranen mit Typ-2-Diabetes aus, die bis zu drei Jahre lang beobachtet wurden. Die Diabetes-Patienten erhielten entweder einen GLP-1-Rezeptoragonisten oder einen SGLT-2-Hemmer. Als GLP-1-basierte Wirkstoffe wurden vor allem Semaglutid und Liraglutid, deutlich seltener auch Albiglutid, Dulaglutid, Exenatid, Lixisenatid und Tirzepatid eingesetzt. Nach drei Jahren wurde die Rate an missbräuchlichem Konsum von Alkohol, Cannabis, Kokain, Nikotin, Opioiden oder anderen Substanzen in der Kohorte ermittelt.

Es zeigte sich, dass bei Veteranen ohne vorherige Suchterkrankung der Beginn einer GLP-1-basierten Therapie mit einem insgesamt um 14 Prozent geringerem Risiko verbunden war, erstmals eine Substanzgebrauchsstörung zu entwickeln. Konkret sank das Risiko für einen Missbrauch von Alkohol um 18 Prozent, für Cannabis um 14 Prozent, für Kokain und Nikotin jeweils um 20 Prozent und für Opioide um 25 Prozent. Absolut entsprach das etwa ein bis sechs weniger Neuerkrankungen pro 1000 Personen innerhalb von drei Jahren, die in der GLP-1-RA-Gruppe weniger auftraten als in der Vergleichsgruppe.

Weniger Komplikationen bei bestehenden Suchterkrankungen

Auch bei Diabetes-Patienten mit bereits bestehender Suchtproblematik zeigten sich Vorteile: In der mit GLP-1-Rezeptoragonisten behandelten Gruppe war das Risiko für Notaufnahmen wegen substanzbedingter Probleme um 31 Prozent und für Klinikeinweisungen um 26 Prozent reduziert. Das Risiko für Überdosierungen sank um 39 Prozent, für Todesfälle um 50 Prozent. Suizidgedanken oder -versuche wurden um 25 Prozent seltener dokumentiert. Das entspricht etwa ein bis zehn weniger schwerwiegenden Ereignissen pro 1000 Personen in drei Jahren.

Die Autoren betonen jedoch Einschränkungen der Studie: So stammn die Daten aus dem Versorgungssystem für Veteranen, in dem überwiegend ältere Männer behandelt werden, weshalb das Kollektiv nicht sehr heterogen ist. Zudem handelt es sich um eine Beobachtungsstudie – nicht gemessene Einflussfaktoren wie Sozialstatus oder Lebensstil könnten die Ergebnisse verzerrt haben. Durch ein aufwendiges, einem randomisierten Versuch nachempfundenes Studiendesign versuchten die Forschenden allerdings, typische Verzerrungen zu minimieren.

»Diese Beobachtungsdaten deuten auf eine mögliche Rolle von GLP-1-Rezeptoragonisten sowohl bei der Prävention als auch bei der Behandlung verschiedener Substanzkonsumstörungen hin, was eine weitere Untersuchung rechtfertigt«, schreiben die Autoren um Cai. Ob sich der beobachtete Effekt bestätigt, müssen nun randomisierte klinische Studien klären.

In einem begleitenden Kommentar bezeichnet Professor Dr. Fares Qeadan von der Loyola University Chicago die Ergebnisse als weiteren Hinweis darauf, dass GLP-1-Rezeptoragonisten substanzbezogene Risiken beeinflussen könnten. Bewährte Suchttherapien blieben zwar weiterhin Standard. Wenn GLP-1-Medikamente jedoch aus kardiometabolischen Gründen angezeigt seien, könnten der mögliche Zusatznutzen im Hinblick auf Suchterkrankungen in die gemeinsame Therapieentscheidung mit einfließen. 

Manche Experten sind von der Wirksamkeit angetan: Der Rückgang der Sterblichkeit im Zusammenhang mit Substanzkonsum sei »unglaublich auffällig und ermutigend«, sagte Professor Dr. W. Kyle Simmons, Pharmakologe an der Oklahoma State University in Tulsa gegenüber der Nachrichtenseite des Fachjournals »Nature«. Wie die Wirkung zustande komme, sei noch unklar. Simmons vermutet aber einen Effekt auf das Dopamin-System im Gehirn, das angenehme Erfahrungen verstärkt und an der Suchtentwicklung beteiligt ist. Er rechnet mit weiteren Veröffentlichungen von Studienergebnissen in den kommenden sechs Monaten.

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