| Melanie Höhn |
| 19.03.2026 15:00 Uhr |
Diskutierten über die Zukunft der öffentlichen Apotheke (v.l.): Mathias Arnold, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, Apotheker Jürgen Schäfer aus Winterberg, Apotheker Sven Lobeda aus Dresden sowie Michael Seifert und Holger Trachte, Referenten im Gesundheitsmanagement der Berlin-Chemie AG. / © PZ/Höhn
»Arzneimittel sind keine Waren des täglichen Bedarfs, aber müssen da sein, wenn man sie braucht«, sagte Mathias Arnold, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt. »Also auch am Sonntag und am Freitagnachmittag, wenn kein Arzt mehr da ist. Es geht um Sicherheit, es geht um den niedrigschwelligen Zugang zum System Gesundheit. Arzneimittel werden auch in Zukunft das wesentliche Werkzeug der Medizin bleiben.«
Grundlegende Bausteine einer Apotheke der Zukunft seien eine kooperative Primärversorgung in einem Netzwerk, mehr Verantwortung und mehr Aufgaben bei der Prävention, das Management chronischer Krankheiten, die Digitalisierung der Versorgung, der sinnvolle und sichere Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie eine sichere Infrastruktur. Um eine sichere Versorgung aufrechtzuerhalten, brauche es »mehr Kooperation und keine Disruption«.
»Wir müssen die Gesundheitsversorgung als Gesamtprozess betreiben«, so Arnold weiter. »Wir machen das, damit wir Arbeitskraft erhalten – ein knappes Gut – und damit den Menschen helfen, gesund und möglichst lange ein schönes und erfülltes Leben zu führen.«
Bis 2040 steige die Zahl der sogenannten »Heavy-User«, also der Menschen über 67 Jahre, auf vier Millionen an. »Das sind alles potenzielle Patienten für uns. Wir haben ein riesiges Marktwachstum vor uns liegen. Also von der Seite her können wir eigentlich ganz beruhigt in die Zukunft gucken«, erklärte der Apotheker.
Doch es gebe leider auch eine gegenläufige Tendenz: Die arbeitende Bevölkerung nehme ab. Zwar gebe es »jede Menge Patienten, die zukünftig oder schon heute an unsere Tür klopfen und versorgt werden wollen. Es fehlt aber an Arbeitskraft.« Der Mangel an Arbeitskräften resultiert neben der demografischen Entwicklung auch daher, dass die Berufsbilder im Gesundheitswesen nicht attraktiv seien, unter anderem gebe es lange Arbeitszeiten, Dienste müssten abgeleistet werden.
Dennoch sieht Arnold die PTA-Vertretung nicht als Lösung. Das Medikationsmanagement bleibe an den akademischen Beruf gebunden. Er ist aber davon überzeugt, dass eine PTA auch Blutdruck messen oder impfen könne. »Das wird kommen. Hebammen haben sich akademisiert, das werden wir in der Apotheke auch sehen«, sagte er. Trotzdem ersetze eine Weiterbildung kein Staatsexamen.
Arnold übte Kritik daran, dass sich die Vergütung der Apotheken seit über einem Jahrzehnt nicht verändert habe. Im aktuellen Gesetzentwurf finde sich jedoch keine Anpassung des Fixhonorars. Nach seiner Einschätzung wäre dafür auch kein Gesetz zwingend erforderlich, da eine Erhöhung grundsätzlich per Verordnung durch das Gesundheits- und Wirtschaftsministerium möglich sei. Auf die angedachte Verhandlungslösung blickt Arnold mit Spannung. Er geht jedoch davon aus, dass strittige Punkte letztlich vor einer Schiedsstelle landen werden. Unterschiedliche Preise für gesetzlich und privat Versicherte lehnt er ab.
Der Apotheker Sven Lobeda aus Dresden fokussierte sich in seiner Beschreibung der »Apotheke der Zukunft« auf den städtischen Bereich und erklärte, dass interne Modernisierung und effiziente Logistik die Zukunftsfähigkeit sichern können. »Ich verfolge einen disruptiven Ansatz, weil wir viele Sachen neu denken müssen«, sagte er. »KI spielt eine große Rolle.«
Er warnte vor den Versendern: »Unser Mitbewerber ist der Onlinehandel und schleicht sich ziemlich galant in unser System ein«, so Lobeda. »Das passiert so, dass wir es als Apotheker gar nicht merken, weil wenn eine Apotheke zumacht, haben wir ja mehr Arbeit und natürlich auch mehr Umsatz, aber weniger Ertrag.«
Lobeda sieht sich auch im Jahr 2030 als maximalen Vollversorger: »Für mich gibt es keinen Unterschied, ob der Patient bei mir online bestellt, wir haben 400 Online-Bestellungen im Monat. Das ist für mich am Ende das Gleiche. Das ist mein Patient und wie er bestellt, ist seine Entscheidung. Wir beraten online genauso wie offline, ob er sich das abholt oder vom Botendienst bringen lässt.«
Der Apotheker Jürgen Schäfer aus Winterberg präsentierte mit »ApoFirst« seinen Ansatz für eine hochmoderne Vor-Ort-Apotheke im ländlichen Raum. Ihm gehe es darum, Wege zu suchen, »um nicht in eine Versorgungslücke zu fallen« und eine wohnortnahe Betreuung auch in der Fläche zu sichern.
Schäfer etablierte beispielsweise einen Kommissionierautomat mit bis zu 18.000 Packungen und ein Verkaufs- und Abholterminal mit Anschluss an den Kommissinierautomat, das rund um die Uhr verfügbar ist. Zudem installierte er eine »Medivise Beratungsbox« innerhalb der Apothekenräume: Hier kann online per elektronischer Gesundheitskarte ein Telearzt hinzugeschaltet werden. Des Weiteren gibt es einen Vortragsraum in der Apotheke mit Platz für 50 Personen zu Gesundheits- und Präventionsthemen.
»Gerade in der Apotheke wird Gesundheit gelebt«, sagte Schäfer. »Eine medizinische Beratung und Betreuung braucht einen besonderen Raum. In der Apotheke ist dieser besondere Raum.« Als Apotheker müsse man die Möglichkeit haben, »in schwachen Zeiten wenn Ärzte nicht da sind, eine ärztliche Grundversorgung stattfinden zu lassen«, ist Schäfer überzeugt. Zudem könne mithilfe von Digitalisierung und KI Zeit eingespart werden, die woanders, zum Beispiel im Hinblick auf die pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL), »zielbringend« eingesetzt werden könne.
Auch im Jahr 2030 werde es die Apotheken noch geben: »Wir arbeiten mit dem höchsten Gut: Gesundheit. Ohne Gesundheit ist alles andere nichts. Wir müssen einen Trend draus machen, gesund alt zu werden.«
Mathias Arnold wünscht sich für die Zukunft, dass der Mensch im Gesundheitswesen im Mittelpunkt steht, »als Subjekt, nicht als Objekt«. Arnold resümierte: »Wir müssen den Menschen als Menschen wahrnehmen. Das sollten wir uns als Heilberufler immer auf die Fahnen schreiben.«