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Zweitmeinung

Geplante OP meist unnötig

Mehr als 70 Prozent der Patienten, die vor einer planbaren OP standen und sich eine zweite Meinung einholten, bekamen die Diagnose bestätigt. Doch nur 21 Prozent bekamen auch die Empfehlung zur OP bestätigt. Das geht aus einer Umfrage der Barmer hervor. Die Krankenkasse empfiehlt Patienten daher, stets von ihrem Recht auf eine zweite Meinung Gebrauch zu machen.
Julia Endris
08.07.2019
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Rund jeder Zweite, dem eine Operation empfohlen wird, ist der Barmer-Umfrage zufolge unsicher, ob die diese tatsächlich notwendig ist. Doch nur 57 Prozent der Befragten mit einem planbaren medizinischen Eingriff veranlassen ihre Zweifel, sich tatsächlich eine Zweitmeinung einzuholen. Von den Umfrageteilnehmern, die sich keine Zweitmeinung eingeholt hatten, gaben 67 Prozent als Grund dafür an, dass sie den Eingriff grundsätzlich für nötig halten. Mehr als jeder Zweite fühlte sich sogar vom ersten Arzt ausreichend aufgeklärt. Wer aber zwei Meinungen hörte, ist laut Umfrage zu mehr als der Hälfte der Alternativauffassung gefolgt.

Für die repräsentative Erhebung  befragte das Marktforschungsunternehmen respondi im Auftrag der Barmer im März 2019 bundesweit 1.000 Männer und Frauen ab 18 Jahren. Der Anspruch gesetzlich Versicherter auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung ist im Versorgungsstärkungsgesetz von 2015 verankert.

Angesichts der Umfrage-Ergebnisse fordert Barmer-Chef Professor Christoph Straub Patienten auf, konsequent von ihrem Recht auf Zweitmeinung Gebrauch zu machen. »Wir haben ein Informationsdefizit in Deutschland, was Operationen angeht. Wissens- und Informationslücken dürfen nicht dazu beitragen, dass unnötige Eingriffe vorgenommen werden«, warnt er.  Die Umfrage zeige zudem: Je höher Einkommen und Bildung, desto öfter würden weitere Meinungen erfragt. Der Effekt spiegelt sich auch bei einzelnen Altersgruppen wider. Insbesondere zeigten sich die 40- bis 49-Jährigen als besonders kritisch. 

Manchmal sind drei oder mehr Meinungen gewünscht

Die Mehrheit derer, die Zweifel an einer anstehenden Therapie hat, wünscht sich der Umfrage zufolge mehr als nur eine weitere Meinung. Mehr als die Hälfte holt sich demnach sogar zwei weitere Einschätzungen ein. Während vier von zehn Befragten mit nur einer zusätzlichen Meinung auskommen, holen sich sechs Prozent drei und mehr ein. Von den Patienten, die sich auf zwei Meinungen stützen, folgen 56 Prozent der zweiten Empfehlung. Haben die Befragten drei oder mehr Experten gehört, fällt ihre Wahl zu etwa gleichen Teilen auf die erste, zweite und dritte Meinung. Grundsätzlich ist die Bereitschaft, einen zweiten Arzt aufzusuchen, bei Frauen deutlich ausgeprägter. Während 69 Prozent von ihnen Wert auf eine Zweitmeinung legen, sind es nur 61 Prozent bei den Männern. Auch mit zunehmendem Alter hinterfragen Patienten ihre Diagnosen häufiger.

Am häufigsten ging es bei Zweitmeinungen mit 19 Prozent um Operationen am Bewegungsapparat und mit jeweils neun Prozent um Eingriffe am Verdauungstrakt und den Geschlechtsorganen. Für die grundsätzliche Entscheidung für oder gegen einen Eingriff ist mit knapp 60 Prozent der Patienten die Abwägung zwischen möglichen OP-Risiken und dem persönlichen Nutzen ausschlaggebend. Der Ruf der Klinik spielte für ein Drittel der Befragten eine Rolle.

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