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Kommentar zu Impfnachweisen

Gelb und rot sehen

Auf die Plätze, fertig – warten. So könnte ein Einstieg in die Geschichte vom Impfangebot für alle im Sommer gelingen. Es passt aber auch zur Ausstellung der digitalen Impfnachweise in der Apotheke.
Sven Siebenand
18.06.2021  06:54 Uhr

Der Reihe nach: Diejenigen Apothekenmitarbeiter und Apothekenmitarbeiterinnen, die am Montagvormittag überhaupt schon mit den notwendigen Einwahldaten ausgestattet waren, konnte im Startblock auf Position gehen, mussten dort aber dann in der Mehrheit verharren, bis der Mausfinger krampfte. »Bad Gateway 502« oder »500 Internal Server Error«. Ist es das, was man sich wünscht, wenn sich schon die ersten Kunden und Kundinnen mit ihrem Impfpass bewaffnet vor der Tür warmlaufen? Ich denke nein. Das gelbe Impfbuch wird dann schnell zur verwarnenden gelben Karte.

Fairerweise sollte man an dieser Stelle aber auch sagen, dass nicht viel Zeit blieb, sich auf die nächste Herkules-Aufgabe aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) umfassend vorzubereiten und irgendwann lief es dann ja auch bei vielen. Zum Glück, denn mancherorts hätte man in die Runde rufen können: Ist hier vielleicht jemand, der nur ein Rezept einlösen möchte? Oder gar ein Medikament aus der Selbstmedikation benötigt?

Dann der Dienstag: »Wir bekommen gerade leider kein Feedback von der zertifikatsausstellenden Stelle. Bitte versuchen Sie es noch einmal.« Yippie. Es krampft schon wieder gewaltig im Mausfinger. »Woran liegt es, liebes RKI«, fragte man sich. Entspannen war angesagt. Kreative begannen, in der Apotheke zusammen mit der Kundschaft einen QR-Code selbst zu malen. Kann das eine pharmazeutische Dienstleistung werden? Ich denke nein.

Woran es lag, dass schon wieder nichts ging? Böse Zungen behaupten, ein Witzbold habe ein Zertifikat für einen gewissen Minister in Berlin ausstellen wollen und das Geburtsdatum auf den 1.4. gesetzt. Das fand der Betreffende aber gar nicht lustig.

Scherz beiseite: Am Mittwoch wurde es dann richtig schlimm. Die Honorierung für die Ausstellung der Impfausweise soll schon bald radikal gekürzt werden. Schönen Dank auch dafür. Kennen wir Apotheker und Apothekerinnen ja bereits von den Masken und den Tests. Die gelbe Karte reicht beim wiederholten Foulspiel nicht. Das Wort »Planungssicherheit« scheint im BMG ein Fremdwort zu sein. Auch die Art und Weise, wie hier mit dem Berufsstand umgegangen wird, ist rotwürdig. Eine Honorierung schon nach wenigen Tagen wieder einzukassieren und es die Apotheken über die Deutsche Presse-Agentur wissen zu lassen, zeigt einmal mehr, wie viel Wert die Aussage des Ministers noch hat.

Apropos Wert. Entgegennahme der Unterlagen, Prüfung, Eingabe ins Portal, Abgleich der Daten, Ausdrucken der Zertifikate und Beantwortung der Fragen inklusive Hilfe beim Herunterladen der richtigen App und Einscannen der Zertifikate: Das alles für 6 statt maximal zweimal 18 Euro? Wie kommt man auf so einen Wert? Hier ist höhere Mathematik gefragt. Apotheke und Querdenker, das passt nicht zusammen, aber sollen wir hier vielleicht ganz anders querdenken? Mir ist aufgefallen, dass die eine Sonder-PZN zur Abrechnung die Quersumme 36 hat, also die Summe aus zweimal 18. Das will der Minister aber gar nicht lange zahlen. Diesen Zahn muss er uns ziehen. Und so eine Behandlung hat natürlich etwas mit einer Wurzel zu tun. Verstehen Sie? Wurzel! 36! Da sind sie, die 6 Euro.

Festzuhalten bleibt, dass es den Apotheken trotz aller Hemmnisse gelungen ist, schon jetzt Millionen Menschen mit einem digitalen Impfausweis zu beglücken. Die Apotheken selbst können angesichts der jüngsten Entwicklungen leider überhaupt nicht glücklich sein. Das könnte man im BMG ändern, wenn man wollte. Nicht »auf die Plätze, fertig, bremsen« heißt die Devise, sondern »auf die Plätze, fertig, los«!

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