Pharmazeutische Zeitung online
Größte Blutbank in Europa

Für vollen Kühlschrank sorgen

Krebs-Patienten in der Chemo, schwer verletzte Unfallopfer, Mütter mit Komplikationen im Kreißsaal: Sie alle brauchen Blutprodukte. In Europas größter Produktionsstätte dafür werden in Hagen täglich lebensrettende Präparate hergestellt.
dpa
27.12.2018
Datenschutz bei der PZ

Die Uhr läuft. Die kostbare Flüssigkeit kommt eilig rund um die Uhr per Lastwagen, gelangt hochgesichert durch einen Materialschlauch in die Hightech-Anlage. Binnen 24 Stunden muss der gespendete sensible Stoff verarbeitet sein. Sonst ist er verloren. Spezialisten stellen drei Produkte her: Konzentrate von roten Blutkörperchen, Blutplättchen und Plasma. Als größte Blutbank Europas versorgt die Einrichtung des DRK-West in Hagen viele Kliniken und Tausende Patienten in mehreren Bundesländern. Die «Blute» - wie es hier unter den Fachleuten heißt - stammen überwiegend aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Und sind auch für Empfänger aus diesen Bundesländern gedacht. Allerdings: «Wir können den Bedarf nicht immer decken und bekommen auch Unterstützung von anderen Blutspendediensten des DRK», schildert Biologin Garnet Suck, die die Präparation leitet. Haben andere Regionen Engpässe, wird auch abgegeben.

Zentrifugen und Separatoren

Wie läuft das Verfahren? Stufe eins, nach Prüfung der Blutkonserve: Die Blutbeutel werden in einer mehr als waschmaschinen-großen Zentrifuge geschleudert. Rund 30 Minuten. «Das Vollblut wird zunächst aufgetrennt. Wir gewinnen die roten Blutkörperchen, also die Erythrozyten, das Plasma und die Blutplättchen, also die Thrombozyten», erklärt Suck. Dann geht es zu den Separatoren: In den aufgehängten Beuteln läuft die Trennung weiter. Die anschließende Stufe drei dauert 60 Minuten und filtert die Thrombos endgültig aus den Erythros heraus. Das alles in penibel steriler Umgebung, Bakterien sollen keine Chancen haben.

Produkt eins und zwei - rote Blutkörperchen und Plasma - sind nach den drei Phasen im Grunde fertig, werden in einer Datenbank erfasst, später im Lager (tief-)gekühlt. Die Blutplättchen brauchen noch eine Sonderbehandlung. Sie werden mit einer Lösung gemischt, gereinigt, kommen erneut in eine Zentrifuge, dann in eine Art beheizten Schrank - einen «Schüttler», denn: «Die Plättchen dürfen nicht aneinanderkleben, sie brauchen Bewegung und mögen es schön warm», sagt Suck. «Sie sind unsere fragilsten Produkte, denn sie dürfen maximal vier Tage gelagert werden, sonst besteht das Risiko einer Bakterien-Kontamination.»

Täglich werden 300 Thrombozyten-Produkte und je 3000 Plasma- und Erythrozyten-Konzentrate hergestellt - mehr als irgendwo sonst in Europa, sagt der DRK-Blutspendedienst. Am eisigsten wird die Lagerung danach für das Plasma: Eine Stunde werden die Päckchen auf Blechen kurz runtergefroren, dann warten sie bei minus 40 Grad auf ihren Einsatz. So sind sie monatelang haltbar.

Weniger Blutspenden

Einen zentralen Faktor kann das DRK allerdings nicht kontrollieren. «Wir verlieren mehr Spender als wir hinzugewinnen. Und die neuen Spender kommen oft nicht so regelmäßig wie die älteren», berichtet Stephan David Küpper, Sprecher des Blutspendedienstes. Ein Beispiel: Von gut einer Million Spenden vor vier Jahren seien dem DRK West 2018 rund 780 000 geblieben.

Und für wen sind die Produkte? «Das Erythrozyten-Konzentrat ist für Patienten mit plötzlichem starken Blutverlust, etwa nach einem Unfall. Oder für Menschen, die nach einer Chemotherapie keine roten Blutkörperchen produzieren können», erläutert Mediziner Andreas Grolle. Auch die Thrombozyten gehen häufig an Krebspatienten. Zudem können Menschen mit Magen- und Darm-, Leber- oder Nierenkrankheiten von den Blutspenden profitieren.

Keine Geschäftemacherei

Plasma-Bestände, die nicht von Kliniken geordert werden, verkauft das DRK zur pharmazeutischen Verarbeitung an Unternehmen. Immer mal wieder wird der Vorwurf erhoben, dem DRK gehe es um Profit, um Geschäftemacherei mit dem Blut, für das die Spender kein Geld erhalten. Dazu betont Küpper: «Unser Ziel ist nicht Gewinn, sondern bedarfsgerechte Versorgung der Kliniken und Patienten.» Um Kosten zu decken, zu modernisieren und in Sicherheit zu investieren, müssten Krankenhäuser für die DRK-Präparate zahlen - weit weniger aber als in manchen anderen europäischen Ländern.

Im kommenden Jahr soll die Produktion in Hagen noch gesteigert werden. Und eine wichtige Aufgabe werde es auch 2019 sein, neue Spender zu gewinnen. Denn: «Wir brauchen immer einen Vorrat. Und wir müssen Krisen-Vorsorge treffen, also den Kühlschrank für größere Notfälle und Soforthilfe immer schön gefüllt haben.»

Mehr von Avoxa