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Hannover
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»Für Beratung anstelle von Versandklicks«

5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Norddeutschen Apotheken machten heute den Opernplatz in Hannover zu einem Schauplatz des Protests gegen die prekären Bedingungen der Vor-Ort-Apotheken. 
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 23.03.2026  15:36 Uhr
Datum Aktualisiert am 23.03.2026  15:30 Uhr

»Ich bin überwältigt von der Zustimmung. Diese Resonanz ist unglaublich«, sagte Berend Groeneveld, Vorsitzender des Landesapothekerverbands Niedersachsen (LAV) angesichts von 5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Apothekenteams aus Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen, die sich heute zum Protest auf dem Opernplatz in Hannover zusammenfanden. Auch die Treuhand Hannover und das Norddeutsche Rechenzentrum (NARZ) waren vor Ort.

»Wir sind die Lotsen im System. Dafür kämpfen wir«, betonte Groeneveld vor der Menschenmenge. »Derzeit sind wir nur die Randfiguren in einem schlechten Spiel, das muss sich ändern. Wir machen das, was wir machen, gerne und wir wollen es weitermachen.«

Es gehe vor allem darum, die Bundesregierung dabei zu unterstützen, dass sie endlich das umsetze, was sie versprochen habe. »Wo bleibt die versprochene Ereigniskarte der Politik? Rücke vor bis auf Los und ziehe 9,50 Euro Honorar ein. Wir wollen diese Ereigniskarte, aber sofort!« Und natürlich wolle die Apothekerschaft das zukünftige Honorar mit der GKV verhandeln – auf der Basis von 9,50 Euro. »Das ist für eine auskömmliche Vergütung für die Zukunft wichtig und wir schauen nach vorne. Und um diese Regierung zu stützen: Spielt endlich die Karte aus, sonst wird das Spiel massiv unfair. Lasst uns gemeinsam nach vorne gehen über ›Los‹ hinaus.«

»Wir brauchen das Fixum jetzt!«

Thomas Uhlen, Mitglied des Niedersächsischen Landtags (CDU), bekräftigte die besondere Rolle der Apotheken im Gesundheitssystem. »Wir brauchen Menschen mit Sachverstand und Herz und wir brauchen eine Koalition, die liefert und in der Lage ist, die Versorgung zu sichern«, sagte er. Es sei die große Frage, ob das Versprechen aus dem Koalitionsvertrag auch weiterhin gilt. »Das muss aber im Gesetz festgeschrieben werden. Wir brauchen das Fixum jetzt!« so Uhlen.

Andrea Prell, ebenfalls Mitglied des Niedersächsischen Landtages (SPD), warnte, dass die Situation der Apotheken »eine neue Dringlichkeit« erreicht habe. Die Apotheke vor Ort sei oft die erste Anlaufstelle, wenn die ärztliche Praxis gerade nicht erreichbar sei. »Wir fordern eine Erhöhung des Fixums auf 9,50 nicht irgendwann, sondern jetzt«, so Prell auf der Bühne. »Wir erheben hier in Hannover unsere Stimmen. Lösungen können nur entstehen, wenn alle Stimmen gehört werden.«

Wenn man über Apotheken vor Ort spreche, rede man über eine »unverzichtbare Säule« der Versorgung. »Doch in dieser Säule gibt es Risse: Steigende Bürokratie und Ausbleiben des Fixums, obwohl das längst überfällig ist«, so Prell. Die Politikerin wurde nicht müde zu betonen, wie wichtig wohnortbahe und niedrigschwellige Versorgung durch die Apotheke ist. »Wir fordern eine faire Zusammenarbeit mit PKV und GKV und durchaus selbstkritisch ein politisches Umdenken.«

»Apothekenteams leisten jeden Tag das Enorme«

Armin Hoffmann, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), verdeutlichte in seiner Rede, dass die Politik endlich handeln müsse. »Nicht morgen, nicht irgendwann, sondern jetzt«, so Hoffmann. »Wir wollen ein Zeichen setzen, dass es so wie es jetzt ist, nicht weitergehen kann.« Dies sei eine nationale Herausforderung, die nur gemeinsam gelöst werden könne. »Für Beratung anstelle von Versandklicks«, betonte er. 

Hoffmann dankte auch den Apothekenteams: »Sie leisten jeden Tag das Enorme: Sie gleichen Lieferengpässe aus oder beraten unter Zeitdruck. Dieser Protest ist auch ihre Stimme: Die Stimme der Apothekenteams«.

Zudem muss laut BAK-Präsident an der Weiterqualifizierung der Teams inklusive PTA und PKA gearbeitet werden: »Das geht nur, wenn die Honorierung passt.« Es brauche zudem eine Dynamisierung des Honorars; weniger Bürokratie sowie eine Vertrauens- statt einer Misstrauenskultur. Weiterhin seien gleiche Regeln für alle Marktteilnehmer essenziell. Die Apotheke vor Ort »als Rückgrat der Versorgung« müsse unterstützt werden.

Hoffmann erklärte eindringlich: »Das ist ein Appell an die Politik: Wenn die Apotheken verschwinden, kommen sie nicht mehr zurück. Heute setzen wir ein unüberhörbares Zeichen für die Patienten. Heute, morgen und so lange, bis wir gehört werden.« Berend Groeneveld kommentierte mit voller Zustimmung die Rede des BAK-Präsidenten: »Lieber Armin, du sprichst hier jedem einzelnen aus der Seele, das ist unfassbar.«

»Man muss sich hier kollegial zeigen«

Auch einige Mitarbeiter der Hirsch-Apotheke in Algermissen aus dem Landkreis Hildesheim reisten nach Hannover. »Es ärgert uns, dass so viele Apotheken geschlossen werden, weil viel online bestellt wird. Das Gesamtpaket ist einfach krank«, waren sich die PTA Angelique Dreyer, Julia Bartsch, Ulrike Franzky und Sabrina Heise einig. »Wenn das Honorar nicht erhöht wird, gehen bei uns auch die Lichter aus.«

Vor allem die Krankenkassen müssten ihren Verwaltungsaufwand reduzieren, dann sei auch mehr Geld für Arzneimittel da, sagten sie. Und sie fragen sich: »Wie soll das gehen, wenn ältere und nicht mobile Leute 30 Kilometer in die nächste Apotheke fahren sollen?« Ihre Dorfapotheke in Algermissen jedenfalls werde sehr gebraucht: »Jeder kennt sich.«

Etwa drei Stunden Anreise hatte die Apothekeninhaberin Sabine Freter, die mit ihrem Mann »Unsere Apotheke« in Stade und Buxtehude betreibt. »Ich finde, man muss sich hier kollegial zeigen. Eine Fixumserhöhung ist essenziell und so eine Demonstration nicht zu unterstützen, kam für uns einfach nicht in Frage«, so Freter, die mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort war. Es gehe auch darum, Patientinnen und Patienten aufzuzeigen, wie es sei, wenn Apotheken nicht mehr da wären. »Das Thema Wertschätzung ist ein wichtiger Aspekt, den die Politik auch erkennen sollte«, ergänzte ihre Mitarbeiterin und Apothekerin Bärbel Gollnick.

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