Die Folge: Vielerorts werden die Betroffenen mit Medikamenten ruhiggestellt, wie auch Levin bestätigt: »Menschen mit Down-Syndrom erhalten in Deutschland sehr viel weniger normale Demenzmedikamente als die Normalbevölkerung, aber sehr, sehr viel mehr Tranquilizer und Psychose-Medikamente. Das ist im Einzelfall überhaupt nicht böswillig, aber es zeigt, dass unser System nicht auf diese Menschen ausgerichtet ist – also im Grunde genommen ein Systemversagen.«
Ein weiteres Problem sei strukturelle Gewalt, befeuert durch den Pflegenotstand. »Wenn sich jemand mit Trisomie 21 auf den Boden schmeißt, weil er nicht gewaschen werden will, dann wird er mit zwei Leuten hochgehoben, weil heute Duschtag ist – und dann wird das gemacht«, schildert Gabriela Koslowski, die Heime im Umgang mit Betroffenen schult.
Bewohner würden auch aus Personalmangel einfach ins Bett gesteckt, obwohl sie noch aufbleiben wollten. Sie habe sogar schon erlebt, dass Uhren vorgestellt und Schlafende um 3.00 Uhr »morgens« zum Waschen aus dem Bett gerissen wurden, weil das Personal das Pensum anders nicht bewältigen konnte.
Zwar gibt es durchaus vorbildliche Einrichtungen. Aber: »Wir haben aufgrund des Pflegenotstands Strukturen, wo die Menschen funktionieren müssen, ohne dass da Rücksicht auf deren Bedürfnisse und Gefühle genommen wird«, betont Koslowski. Gerade bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen würden diese häufig übergangen. Ein No-Go, betont die psychologische Beraterin: »Es gilt immer noch das Recht auf Selbstbestimmung!«