| Jennifer Evans |
| 02.09.2026 11:30 Uhr |
Video gemacht, Erinnerung weg: Wer wichtige Ereignisse nur durch die Kameralinse festhält, vergisst sie womöglich schneller. / © Shutterstock/Valeriya Popova 22
Ob ein Schnappschuss vom Kindergeburtstag, ein Urlaubsfoto oder ein Screenshot bei einem Vortrag – viele Menschen nutzen digitale Aufzeichnungen als Gedächtnisstütze. Doch laut einer Studie der New Yorker Binghamton University ist das trügerisch. Wer nämlich während eines besonderen Erlebnisses zum Smartphone greift, erinnert sich im Nachgang oft schlechter an das Geschehene. Die Psychologin Sophia Fabrizio und ihr Team bezeichnen dieses Phänomen im Fachjournal »Memory & Cognition« als »Photo-Taking Impairment Effect«.
Der Effekt wirkt sich besonders stark aus, wenn Menschen ihre digitalen Aufnahmen nachher nie wieder ansehen. »Sofern Sie diese Bilder nicht aktiv als Anhaltspunkte für den elaborativen Gedächtnisabruf nutzen, ist es unwahrscheinlich, dass Sie davon profitieren«, so Fabrizio in einer Mitteilung der Universität. Im Durchschnitt knipsten wir rund 20 Fotos am Tag und auf einem durchschnittlichen Smartphone lagerten rund 2000 Aufnahmen.
Die Forschenden untersuchten unter anderem, wie sich das digitale Erfassen von Kunstwerken auf das Erinnern auswirkt. Wie sich zeigte, boten weder Fotos noch Screenshots Vorteile gegenüber dem bloßen Betrachten – im Gegenteil: Die Gedächtnisleistung sank. Selbst zusätzliche Betrachtungszeit oder vereinfachte Aufnahmemöglichkeiten verbesserten die Erinnerung nicht.
Das Autorenteam vermutet, dass dabei mehrere Effekte eine Rolle spielen: geteilte Aufmerksamkeit, weil durch das Fotografieren kognitive Ressourcen fehlen, die wir sonst für die Gedächtniskonsolidierung nutzen würden; kognitives Auslagern, weil wir wissen, dass die Informationen extern gespeichert und abrufbar sind und daher keiner Aufmerksamkeit bedürfen; und zuletzt die Aufmerksamkeitsentkopplung, sprich: Das Fotografieren erzeugt unbewusst eine Distanz zum Erlebten.
Für die Aufmerksamkeitsentkopplung spricht demnach, dass die Teilnehmenden sich schlechter daran erinnerten, ob sie ein Kunstwerk fotografiert oder tatsächlich betrachtet hatten. Einige verwechselten sogar dessen Standort in der Ausstellung. Das Aufmerksamkeitsdefizit scheint sich der Studie zufolge also auf den gesamten Kontext des Erlebnisses auszudehnen.
Wer sich besser an besondere Erlebnisse erinnern möchte, sollte lieber zu Papier und Stift greifen, rät Fabrizio. Das Schreiben zwinge einen dazu, Inhalte zu strukturieren, zu reduzieren und aktiv zu verarbeiten. Diese geistige Anstrengung fördere die Gedächtnisbildung.