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»Ich hoffe du stirbst«

Forscher in der Pandemie angefeindet und bedroht

Im Altertum war es vielerorts üblich, den Überbringer einer schlechten Botschaft kurzerhand zu töten. Unangenehm sind die Botschaften von Forschern in der Pandemie auch. Wie eine Umfrage zeigt, weden viele dafür massiv angefeindet und bedroht.
dpa
PZ
15.10.2021  15:30 Uhr

Ärzte und Virologen vor der Kamera und Epidemiologen, die auf Twitter Studien kommentieren: In der Pandemie ist das alltäglich geworden. Fachleute beziehen Stellung zu Fragen rund um Corona. Eine Umfrage der Fachzeitschrift »Nature« unter mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren Ländern wirft nun ein Schlaglicht auf die oft negativen Reaktionen, die ein Teil von ihnen wegen der Präsenz in der Öffentlichkeit erfahren hat. Es geht nicht nur um Hassbotschaften, sondern auch um Morddrohungen und seltener sogar körperliche Angriffe.

Vorweg: Es handelt sich nicht um eine wissenschaftlich begleitete, repräsentative Umfrage. Das Ausmaß des Problems lässt sich damit nicht exakt bemessen. »Nature« versandte Fragebögen an Experten und arbeitete dabei in mehreren Ländern mit Einrichtungen zusammen, die unter anderem Wissenschaftler-Statements an Medien verschicken (Science Media Centers). Es beteiligten sich 321 Experten, die mit Medien über die Pandemie gesprochen hatten. Die meisten von ihnen kamen aus Großbritannien (123), Deutschland (62) und den USA (53). Gut die Hälfte der Befragten gab an, manchmal, in der Regel oder immer nach Medienauftritten Troll-Kommentare oder persönliche Angriffe erlebt zu haben. Die negativen Folgen der medialen Präsenz reichen demnach bis hin zu Morddrohungen in 47 Fällen, sechs Wissenschaftler gaben an, körperlich attackiert worden zu sein. Einzelne berichten auch von aggressiven Mails, gehackten Accounts oder Webseiten und Beschwerden an den Arbeitgeber.

In einem Beitrag auf der Nachrichtenseite von »Nature« mit Fallbeispielen werden Reizthemen deutlich: Der australische Epidemiologe Dr. Gideon Meyerowitz-Katz etwa nannte zum einen – erwartbar – Impfungen. Die meisten Drohungen aber habe er überraschenderweise von Menschen bekommen, die das Antiwurmmittel Ivermectin als angebliches Präparat gegen Covid-19 verteidigten. »Leute mailen mir anonym von komischen Accounts ›Ich hoffe du stirbst‹ oder ›Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschießen‹«, wird Meyerowitz-Katz zitiert. Auch die Frage des Virusursprungs ist laut Bericht ein heißes Eisen.

In der Fachwelt wird befürchtet, dass Hassbotschaften zu Rückzug und Selbstzensur von Expertinnen und Experten führen und deren Kollegen abschrecken könnten, selbst öffentlich aufzutreten. In der Umfrage gaben besonders häufig von persönlichen Angriffen und Troll-Kommentaren Betroffene auch am ehesten an, dass dies ihre Gesprächsbereitschaft mit Medien enorm beeinflusst habe.

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