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Neurologische Erkrankungen

Fehlprogrammierte Mikroglia als Mitverursacher

Eine Fehl- oder Überaktivierungen der Mikroglia kann zur Entstehung einer Reihe neuropsychiatrischer Erkrankungen wie Schizophrenie und Alzheimer-Demenz beitragen. Darauf wies die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) anlässlich des Fachkongresses Neurowoche in Berlin hin.
Christina Hohmann-Jeddi
06.11.2018
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Die Funktion von Mikrogliazellen wurde lange unterschätzt. Die kleinen Nachbarn der Nervenzellen galten bisher als Immunzellen des zentralen Nervensystems, die in erster Linie Krankheitserreger, insbesondere Bakterien, aufspüren. Doch jüngste Forschungsergebnisse zeigen: Sie sind noch weit wichtiger für die Gesundheit des Gehirns. »Mikrogliazellen übernehmen eine zentrale Rolle bei der Gehirnentwicklung und der Vernetzung von Nervenzellen während der Gehirnreifung bei jungen Erwachsenen. Sie sind außerdem von großer Bedeutung für die Entfernung von Abbauprodukten des Gehirnstoffwechsels«, sagte Professor Dr. Jochen Herms, Direktor des Zentrums für Neuropathologie und Prionforschung der Universität München.

Bereits bei Feten lernen Mikrogliazellen während der Gehirnentwicklung körperfremde Produkte aus dem mütterlichen Blutkreislauf kennen, etwa Virusbestandteile oder Bestandteile von Bakterien aus dem mütterlichen Darm. »Diese Programmierung, man spricht auch von einer epigenetischen Prägung, kann fehlerhaft ablaufen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft zum Beispiel an einer Infektionserkrankung leidet«, sagt Herms. Diese fehlerhafte Prägung kann möglicherweise lebenslange Konsequenzen haben, denn Mikrogliazellen, das zeigen neueste Untersuchungen im Tiermodell, leben sehr lange.

»Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung legen nahe, dass bei einigen Erkrankungen des Gehirns die normalen Funktionen der Mikroglia fehl- beziehungsweise überaktiviert sind«, so Herms. Am besten untersucht seien die Hinweise dafür bei der Schizophrenie. Aktuellen Studien zufolge könne die Mikroglia bei weiteren Erkrankungen eine Rolle spielen, darunter Multiple Sklerose, Amyotrophe Lateralsklerose sowie Morbus Parkinson.

Besonders gut untersucht ist der Zusammenhang bei Erkrankungen des alternden Gehirns, insbesondere bei der Demenz vom Alzheimer-Typ. »Fehlfunktionen der Mikroglia erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine Alzheimer-Demenz zu entwickeln«, sagt Herms. Abbauprodukte des Stoffwechsels werden schlechter abgeräumt, was zu Ablagerungen von körpereigenen Eiweißen im Gehirn führt, zum Beispiel in Form von Amyloidplaques, und damit die Entwicklung und den Verlauf von neurodegenerativen Erkrankungen vorantreibt. »Die Mikrogliaaktivität kann entweder durch genetische Faktoren, aber wahrscheinlich auch durch chronisch entzündliche Prozesse gestört werden«, berichtet Herms. »Ein Drittel der Genveränderungen, die das Risiko für neuropsychiatrische Erkrankungen erhöhen, beeinflusst auch die Funktion von Mikrogliazellen.«

Foto: Shutterstock/Juan Gaertner

 

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