| Lukas Brockfeld |
| 23.06.2026 18:55 Uhr |
Matthias Gabriel, Stefan Schaller, Tino Sorge, Urs Voegeli, Philipp Pauli und Oliver Ehrentraut (v. l. n. r.) diskutierten über Innovationen im Gesundheitssystem. / © PZ/Brockfeld
Im deutschen Gesundheitssystem knirscht es – insbesondere aufgrund des demografischen Wandels – an vielen Ecken. Technische und medizinische Innovationen könnten Abhilfe verschaffen. Doch wie können diese die Versorgung wirklich vorantreiben? Darüber wurde am Dienstag auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin diskutiert.
Für die Debatte wurden Tino Sorge (CDU/Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium), Urs Voegeli (Johnson & Johnson), Stefan Schaller (Siemens Healthineers), Philipp Pauli (Takeda Pharma Vertrieb) und Oliver Ehrentraut (Prognos) eingeladen. Die Moderation übernahm Matthias Gabriel von der Ärzte Zeitung.
Oliver Ehrentraut betonte eingangs den Reformbedarf des deutschen Gesundheitssystems. Die Bundesrepublik gebe sehr viel Geld für Gesundheit aus, erziele aber trotzdem eine eher mäßige durchschnittliche Lebenserwartung. Der demografische Wandel verschärfe das Problem. Doch Prognos habe in einer Studie viele potenzielle Reformaspekte gefunden. »Gut 20 Milliarden könnte man allein beim Status quo einsparen«, sagte Ehrentraut. Kluge und innovative Maßnahmen könnten Kosten noch weiter senken und gleichzeitig die Qualität der Versorgung verbessern.
Auch für Tino Sorge stand der Reformbedarf außer Frage. »Die aktuelle Debatte ist schwierig, da wir immer noch eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt haben und noch nicht so schlecht dastehen, dass alle den Veränderungsbedarf spüren«, sagte der Staatssekretär. Sein Ministerium wolle daher nicht nur auf reine Sparmaßnahmen setzen, um das System zu stabilisieren. »Bis Herbst wollen wir noch neue strukturelle Vorschläge machen. Dabei wird auch KI eine Rolle spielen«, versprach der Christdemokrat.
Stefan Schaller warnte davor, die medizinische Versorgung nur als Kostenfaktor zu sehen. »Gesundheit ist unser höchstes Gut, und Gesundheit ist ein volkswirtschaftlicher Faktor«, sagte Schaller. Das deutsche Gesundheitssystem habe große Herausforderungen zu stemmen. Deutschland gebe aktuell pro Kopf fast doppelt so viel Geld für Gesundheit aus wie Spanien. Die durchschnittliche Lebenserwartung sei aber drei Jahre niedriger. Das Gesundheitssystem brauche daher mehr Effizienz. Hier könne die Medizintechnik einen großen Beitrag leisten. Das gelte auch für Präventionsmaßnahmen, die ebenfalls erhebliche Kosten einsparen könnten.
Laut Philipp Pauli müsse Deutschland gezielt in innovative Gesundheitsangebote investieren. Dafür habe man im Land eigentlich optimale Voraussetzungen. »Wir haben kluge Köpfe, eine starke Forschungslandschaft und eine starke industrielle Basis«, sagte er. Die Gesundheitsindustrie sei ein starker Treiber und nehme viel Geld in die Hand, um medizinischen Fortschritt zu schaffen. Doch Europa habe aktuell viele Defizite, unter anderem bei der klinischen Forschung. Daher könnten Kapital und Innovationen abwandern. »Kluge Innovationen sind die Folge von kluger Standortpolitik«, betonte Pauli.
Tino Sorge entgegnete, dass Deutschland noch immer sehr gut darin sei, Innovationen zu generieren und schnell in der Versorgung zu implementieren. Doch er räumte ein, dass die Bundesrepublik viele Defizite habe. »Da müssen wir Antworten finden«, sagte der Staatssekretär. In der aktuellen Spardiskussion käme der Erhalt der Pharmabranche als Leitindustrie zu kurz. »Wir müssen uns fragen: Wie kann man die nötigen Belastungen beispielsweise in Hinblick auf Datennutzung oder Bürokratieabbau kompensieren?«, so Sorge.