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Mensch-Tier-Wesen

Experten halten Forschung für vertretbar

Viele Wissenschaftler halten Versuche in Japan, menschliche Organe in Tieren zu züchten, für vertretbar. Ethisch werde mit den Plänen der Forscher keine rote Linie überschritten. Chimären werden schon seit Jahrzehnten in der Forschung eingesetzt.
Christina Hohmann-Jeddi
01.08.2019
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Forscher der Universität Tokio hatten eine Genehmigung des zuständigen Gremiums des Wissenschaftsministeriums erhalten, in Tierembryonen menschliche Stammzellen einzupflanzen, die während der Tragezeit zu Organgewebe heranwachsen sollen. Dies hatte eine Ministeriumssprecherin der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch bestätigt.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Professor Dr. Peter Dabrock, riet gegenüber dem Evangelischen Pressedienst dazu, die Experimente nicht vorschnell zu verurteilen. »Natürlich ist nachvollziehbar, dass man erst einmal Grusel empfindet«, sagte Dabrock. »Man denkt vielleicht an Pegasus, Sphinx, Kentauren oder irgendwelche Horrormonster aus Hollywood-Trash-Filmen.« Darum gehe es aber überhaupt nicht. Hinter den Experimenten stehe durchaus ein hohes und berechtigtes Ziel, nämlich die notorische Knappheit an Spenderorganen irgendwann zu überwinden, betonte der Theologe.

In dieselbe Richtung argumentiert auch die Medizinethikerin Professor Dr. Christiane Woopen von der Uniklinik Köln im Deutschlandfunk: Bei Mischwesen rege sich zwar ein ungutes Gefühl, aber man müsse nach den Argumenten fragen. Ethisch komme es darauf an, dass sich die spezifischen Charakteristika der Arten nicht verunklarten. Ein Tier solle keine Eigenschaften bekommen, »die wir eigentlich nur dem Menschen zuschreiben«, sagte sie. »Wenn man es jetzt mal ganz plakativ formuliert: Wenn wir plötzlich ein Schwein haben, das Goethe-Gedichte zitiert, dann wäre natürlich eindeutig eine ethische Grenze überschritten.« Aber in Japan wolle man so weit nicht gehen. Sie halte das vorsichtige Vorgehen der Japaner für vertretbar, sagte Woopen. Auch fundamentalen Prinzipien des Ethikrates widerspreche das Unterfangen nicht.

Das Forscherteam um Professor Dr. Hiromitsu Nakauchi von der Universität Tokio will zunächst in Embryonen von Mäusen sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) von Menschen einpflanzen. Die genmanipulierten Embryonen können keine eigene Bauchspeicheldrüse entwickeln. Die Forscher wollen testen, ob in den heranwachsenden Feten Bauchspeicheldrüsengewebe aus den menschlichen Stammzellen entsteht und auch, ob sich die Stammzellen an anderer Stelle im Körper der Mäuse verbreiten.

Das Team will iPS-Zellen zudem in weiteren Versuchen auch in Embryonen von Affen und Schweinen einpflanzen, diese aber früh töten. Ziel ist es, eines Tages Menschen zu helfen, die bisher vergeblich auf ein Organ warten. Bei iPS-Zellen handelt es sich um reprogrammierte Körperzellen, die durch eine bestimmte Technik auf ein frühes Entwicklungsstadium zurückgebracht werden. Sie stammen nicht aus Embryonen.

Kritiker befürchten, dass menschliche iPS-Zellen sich im Tierembryo auch in Gehirnzellen entwickeln und die Kognition beeinflussen könnten. Diese Bedenken würden im Versuchsdesign berücksichtigt, sagte Nakauchi gegenüber der Nachrichtenseite »Nature News«. Das Team versuche, eine gezielte Organentwicklung hervorzurufen, bei der die menschlichen Zellen ausschließlich in den Pankreas eingehen.

Der Molekularmediziner Professor Dr. Eckhard Wolf sieht das Vorhaben der japanischen Forscher skeptisch. Im Bayerischen Rundfunk sagte er: »Am Ende des Tages glaube ich, dass das kein sehr aussichtsreiches Vorgehen ist. Denn letztlich ist die Entstehung eines Organs ein sehr komplexer Prozess, der darauf basiert, dass sich eben verschiedene Zelltypen miteinander austauschen.« Das funktioniere innerhalb einer Art sehr gut, möglicherweise auch zwischen nahe verwandten Arten. »Aber ich glaube nicht, dass Mensch und Schwein nahe genug verwandt sind, dass das tatsächlich ein realistisches Vorgehen ist«, so Wolf. Er verwies auf einen Versuch in den USA aus dem Jahr 2017, bei dem Forscher menschliche Stammzellen in Schweineembryonen injizierten, der am Ende nicht erfolgreich verlaufen sei.

Die Forschung an Chimären ist gar nicht so neu. Schon 2011 hatte der Ethikrat eine Stellungnahme zu Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung veröffentlicht. Darin erklärte er, dass die Schaffung von Mäusen als »Modellorganismen« zur Erforschung menschlicher Krankheiten durch Einfügung krankheitsspezifischer humaner Gene in das Mausgenom bereits seit den 1980er-Jahren breit etabliert ist. So erhalten etwa Mäuse für die Alzheimer-Erkrankung spezifische humane Gene eingesetzt. Auch bereits seit fast 20 Jahren gibt es sogenannnte humanisierte Mausmodelle, bei denen es sich ebenfalls um Chimären handelt. Immundefiziente Mäuse erhalten etwa durch Übertragung von menschlichen hämatopoetischen Stammzellen ein menschliches Immunsystem.

Der Unterschied zu den Versuchen von Nakauchi ist, dass die menschlichen Zellen nach der Geburt der Tiere übertragen werden. Die rote Linie mit Blick auf Chimären überschritten sieht der Ethikrat in seiner Stellungnahme bei der Übertragung von menschlichen Embryonen auf andere Tierarten oder bei der Schaffung von Chimären unter Verwendung von menschlichen Embryonen oder Gameten.

Auch in Deutschland möglich

Gegenüber der Zeitung »Die Welt« sagte Dabrock, da Nakauchi keine Zellen verwenden möchte, die aus menschlichen Embryonen gewonnen werden, wäre ein solches Verfahren auch in Deutschland denkbar. Experimente dieser Art seien sowohl nach dem Embryonenschutz- als auch nach dem Tierschutzgesetz möglich. Auch Jura-Professor und Ethikrat-Mitglied Dr. Jochen Taupitz von der Universität Mannheim hält solche Experimente in Deutschland rechtlich für machbar. »Ich sehe auch kein grundsätzliches ethisches Problem darin, menschliche Organe in Tieren zu züchten. Allenfalls Experimente mit Gehirnzellen wären gesondert zu bewerten«, sagte er der »Welt«. Es müsse jedoch aus Tierschutzgründen ausgeschlossen werden, »dass es sich um Qualzüchtungen handelt«.

Auch Dabrock betonte den Tierschutzaspekt gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Man werde tierethische Fragen wie die Tötung von Tieren, aber auch ihr mögliches Leiden während der Versuche erörtern müssen, so Dabrock. Allerdings müsse man auch bedenken, »dass wir jetzt schon Herzklappen von Schweinen beim Menschen einsetzen«, sagte er.

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