Pharmazeutische Expertise sollte verstärkt in ethische Entscheidungsprozesse eingebunden werden. / © Shutterstock/New Africa
Ethische Fragestellungen sind kein Randthema, sondern integraler Bestandteil des Alltags. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Arbeit der ADKA-Projektgruppe »Ethik in der Krankenhauspharmazie«. Lieferengpässe, der Umgang mit knappen Ressourcen, Off-Label-Anwendungen sowie Kommunikations- und Priorisierungsfragen prägen die tägliche Praxis. Entscheidungen müssen oft unter Zeitdruck getroffen werden – und gleichzeitig fachlich wie ethisch tragfähig sein. Diese und weitere Ergebnisse hat die Arbeitsgruppe in einem Abschlussbericht auf der ADKA-Website und in der Zeitschrift »Krankenhauspharmazie« veröffentlicht.
Die ADKA-Leitlinie und die Empfehlungen der Bundesapothekerkammer beschreiben den Versorgungsauftrag umfassend: Betriebsorganisation, Abgabe und Beratung, Herstellung, Prüfung und Lagerung, klinisch-pharmazeutische Dienstleistungen, Risikomanagement und Notfallversorgung greifen ineinander. Im Alltag bedeutet das, kontinuierlich Entscheidungen zu treffen, die nicht nur korrekt, sondern auch begründbar sind.
Diese Anforderungen werden im Klinikbetrieb schnell konkret: Fehlt ein Arzneimittel, müssen Prioritäten gesetzt werden. Unklare Verordnungen erfordern Rückfragen und sorgfältige Abwägung. Beratung auf Station erfolgt häufig unter Zeitdruck und muss dennoch belastbar sein. Bei der Herstellung sensibler Zubereitungen hat die Patientensicherheit stets Vorrang vor Effizienz. Ethik ist damit kein Zusatz, sondern Ausdruck professioneller Sorgfalt.
Der Abschlussbericht beschreibt zentrale Spannungsfelder entlang der Aspekte Menschenwürde und Autonomie, Gerechtigkeit und Fairness, Verantwortung und Sicherheit, Nachhaltigkeit sowie interprofessionelle Zusammenarbeit. Diese Prinzipien stehen in der Praxis häufig gleichzeitig im Raum und können miteinander in Konflikt geraten: Eine sichere Patientenversorgung ist oberstes Ziel, gleichzeitig sind Ressourcen begrenzt. Leitlinien und Qualitätsmanagementsysteme bieten Orientierung, erfassen jedoch nicht jeden Einzelfall.
Pharmazeutische Ethik unterstützt dabei, Entscheidungen anhand klarer Kriterien zu strukturieren, Risiken offen zu benennen und Verantwortung gemeinsam zu tragen. Sie schafft die Grundlage für eine nachvollziehbare Kommunikation – innerhalb der Apotheke ebenso wie gegenüber Stationen und anderen Berufsgruppen.
Besondere Bedeutung kommt dem Notfallmanagement zu. Krankenhausapotheken tragen auch in Ausnahmesituationen Verantwortung für die Versorgung und müssen Priorisierungen transparent und tragfähig treffen.
Auch in klinischen Ethikkomitees und mobilen Ethikberatungsteams leisten Krankenhausapotheker einen wichtigen Beitrag. Sie bringen spezifische Expertise zu Arzneimittelwirkungen, Interaktionen und zur Angemessenheit von Therapien ein – insbesondere bei komplexen Medikationsentscheidungen oder in der Palliativversorgung. Ihre Perspektive ergänzt die medizinische und pflegerische Sicht und unterstützt patientenorientierte Lösungen.
Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, ist seit 2020 ein Krankenhausapotheker mit abgeschlossener Qualifikation als Ethikberater im Gesundheitswesen (Kompetenzstufe 1) festes Mitglied im klinischen Ethikkomitee und nimmt regelmäßig an ethischen Fallbesprechungen teil. Dieses Beispiel zeigt, wie pharmazeutische Expertise strukturiert in ethische Entscheidungsprozesse eingebunden werden kann.
Ethik ist ein integraler Bestandteil des pharmazeutischen Handelns in Krankenhausapotheken. Sie unterstützt dabei, unter komplexen Rahmenbedingungen nachvollziehbare, sichere und verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Die Einbindung in Ethikstrukturen stärkt die interprofessionelle Zusammenarbeit und erweitert den Blick auf eine patientenorientierte Versorgung.