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US-Zulassung
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Erste Gentherapie bei genetischem Hörverlust

Die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA hat der Firma Regeneron die Zulassung für die Gentherapie mit Lunsotogen Parvec (Otarmeni™) erteilt. Das Mittel kommt Betroffenen mit Otoferlin-(OTOF-)Taubheit zugute.
AutorKontaktSven Siebenand
Datum 24.04.2026  14:14 Uhr

Genetische Mutationen sind für etwa die Hälfte aller angeborenen Hörverluste verantwortlich. Bis zu 8 Prozent aller Fälle sind auf Mutationen im OTOF-Gen zurückzuführen. Obwohl alle Strukturen im Ohr intakt sind, können diese Mutationen zu großen Problemen führen, da sie einen Mangel an funktionsfähigem Otoferlin-Protein bedingen, welches für die Kommunikation zwischen den Sinneszellen des Innenohrs und dem Hörnerv entscheidend ist. Betroffene mit OTOF-bedingtem Hörverlust erhalten oft ein Cochlea-Implantat operativ eingesetzt – eine in die Cochlea eingeführte Elektrode, die den Hörnerv stimuliert.

Lunsotogen Parvec ist eine auf einem Adeno-assoziierten Virusvektor basierende Gentherapie, die zur Behandlung bestimmter pädiatrischer und erwachsener Patienten mit schwerem bis hochgradigem Hörverlust indiziert ist, der durch nicht funktionsfähiges Otoferlin-Protein verursacht wird. Die Behandlung zielt darauf ab, ein dauerhaftes Hörvermögen wiederherzustellen, indem eine funktionsfähige Kopie des OTOF-Gens mittels des modifizierten, nicht pathogenen Virus verabreicht wird. Dieses wird unter Vollnarkose durch eine Infusion in die Cochlea eingebracht – ähnlich dem Verfahren bei einer Cochlea-Implantation.

Bei dieser Gentherapie steht das neu eingeführte OTOF-Gen unter der Kontrolle eines zellspezifischen Promotors, der die Expression ausschließlich auf Haarzellen beschränken soll, die normalerweise das Otoferlin-Protein exprimieren.

Deutliche Verbesserung des Hörvermögens

Die FDA-Zulassung stützt sich auf die Ergebnisse der CHORD-Studie, in der 20 Teilnehmer im Alter von zehn Monaten bis 16 Jahren eine Einzeldosis Lunsotogen Parvec mittels intracochleärer Infusion erhielten, entweder einseitig (in einem Ohr; n = 10) oder beidseitig (in beiden Ohren; n = 10). Bei 80 Prozent der Probanden wurde nach 24 Wochen anhand von Reintonaudiometrie-Untersuchungen eine Verbesserung des Hörvermögens bei einer Hörschwelle von ≤ 70 dB HL festgestellt, womit der primäre Endpunkt der Studie erreicht wurde. Dieser Schwellenwert entspricht einem klinischen Standard, der in der Regel keine Cochlea-Implantation erfordert.

70 Prozent der Patienten zeigten nach 24 Wochen eine auditorische Hirnstammantwort (ABR) bei ≤ 90 dB, womit der wichtigste sekundäre Endpunkt der Studie erreicht wurde. Die ABR ist eine objektive Bestätigung der Hörfunktion, gemessen durch die Aufzeichnung elektrischer Hirnstammsignale als Reaktion auf Schall.

Bei den bis zur 48. Woche nachbeobachteten Teilnehmern behielten alle früheren Responder das Ansprechen auf die Therapie bei und 42 Prozent aller Teilnehmer erreichten ein normales Hörvermögen, das auch Flüstern (≤ 25 dB HL) umfasste.

Die häufigsten beobachteten Nebenwirkungen der Gentherapie waren Mittelohrentzündung, Erbrechen, Übelkeit, Schwindel, Schmerzen während des Eingriffs, Gangstörungen und Nystagmus.

Das Weiße Haus gab am 23. April eine Vereinbarung über Arzneimittelpreise mit Regeneron bekannt – fast zeitgleich zur US-Zulassung von Otarmeni. Die neue Gentherapie werde das Unternehmen infrage kommenden Patienten in den USA kostenfrei zur Verfügung stellen, heißt es in einer Pressemitteilung des Pharmaunternehmens.

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