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Sekundärinfektionen

Erst Coronavirus, dann Superbugs

Ein Unglück kommt selten allein. Die Coronavirus-Pandemie könnte auch den Weg für eine Zunahme von multiresistenten Bakterien ebnen. Zwei Aspekte kommen den sogenannten Superbugs zugute.
Sven Siebenand
27.04.2020  08:00 Uhr

Weltweit werden wegen Covid-19 derzeit viele Menschen mit geschwächtem Immunsystem in ein Krankenhaus eingeliefert. Diese Patienten dienen multiresistenten Keimen auch als Nährboden. Es gibt bereits Erkenntnisse, dass bei Covid-19-Patienten im Krankenhaus Sekundärinfektionen diagnostiziert werden können und einige Hinweise darauf, dass multiresistente Bakterien zu den Keimen gehören, die diese Sekundärinfektionen verursachen. In einer Publikation im Fachjournal »The Lancet« zu den epidemiologischen und klinischen Charakteristika von Covid-19-Patienten in einem Krankenhaus in Wuhan werden bei Patienten mit Sekundärinfektionen als häufig nachgewiesene Bakterien bekannte Krankenhauskeime wie Acinetobacter baumannii oder Klebsiella pneumoniae genannt.

»Das sind gramnegative Bakterien, für die die Entwicklung neuer Antibiotika besonders schwierig ist«, gibt Professor Dr. Ulrike Holzgrabe von der Universität Würzburg im Gespräch mit der PZ eine Einschätzung. Es seien genau die Bakterien, die die Weltgesundheitsorganisation WHO benannt hat, für die man neue Antibiotika entwickeln sollte. »Die Pipeline ist hier im Grunde aber leider leer.« Die Substanz Cefiderocol sei eines der ganz wenigen neuen Antibiotika, die hier eine gewisse Wirksamkeit zeigen. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur EMA hat vor wenigen Wochen die Zulassung des neuen Antibiotikums empfohlen.

Die Sekundärinfektionen bei den Covid-19-Patienten scheinen dabei auch einen Einfluss auf deren Überleben zu haben. Eine weitere Auswertung von Krankenhauspatienten in Wuhan, die ebenfalls im »The Lancet« veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Hälfte aller verstorbenen Covid-19-Patienten eine Sekundärinfektion hatte. Allzu überraschend ist das nicht. Bereits während früherer Pandemien, etwa der Spanischen Grippe, starben viele Patienten nicht an dem Virus selbst, sondern an einer bakteriellen Sekundärinfektion.

Der zweite Aspekt ist der weit verbreitete Einsatz von Antibiotika bei Covid-19-Patienten, zumindest bei Schwerkranken. Auch hierzu gibt es eine Veröffentlichung im »The Lancet« und wieder sind Patienten in einem Krankenhaus in Wuhan die Basis für die Auswertung. Mehr als 90 Prozent von ihnen erhielten im Krankenhaus eine antibakterielle Behandlung. Die Folge dieses gehäuften Antibiotika-Einsatzes: Auf Dauer führt das bei den Bakterien zu einem erhöhten Selektionsdruck, was sich letztlich ungünstig auf das ohnehin bestehende Problem der Resistenzen auswirkt. Es steht also zu befürchten, dass arzneimittelresistente bakterielle Infektionen zukünftig noch häufiger auftreten werden.

Ein 2016 veröffentlichter Bericht prognostiziert, dass bis zum Jahr 2050 jährlich zehn Millionen Menschen an antibiotikaresistenten Infektionen sterben könnten. Da diese Vorhersage die aktuelle Pandemie und ihre Auswirkungen nicht berücksichtigt, ist damit zu rechnen, dass dieses Ereignis nicht erst in 30 Jahren eintrifft, sondern schon früher. Davor warnt auch Dr. Ronan McCarthy, Dozent für biomedizinische Wissenschaften an Brunel University London, in einem Meinungsbeitrag auf der Plattform »The Conversation«.

Bei aller Bedeutung antiviraler Substanzen in der aktuellen Situation darf deshalb die Forschung an antibakteriellen Substanzen nicht vergessen werden. Zudem muss man sich genau anschauen, wie und wann Antibiotika bei Covid-19-Patienten zum Einsatz kommen sollten.

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