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Orexin-Rezeptorantagonist

EMA gibt grünes Licht für neuartiges Schlafmittel

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA empfiehlt die Zulassung von Daridorexant (Quviviq™) zur Behandlung erwachsener Patienten mit schweren Schlafstörungen. Der Orexin-Rezeptorantagonist blockiert die Bindung der wachheitsfördernden Neuropeptide, der sogenannten Orexine.
Daniela Hüttemann
25.02.2022  15:40 Uhr

Stimmt die EU-Kommission dem Votum des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) zu, könnte Daridorexant zukünftig zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit Insomnie mit einer mindestens drei Monate dauernden Symptomatik mit erheblicher Beeinträchtigung der Tagesaktivität eingesetzt werden, teilt Hersteller Idorsia Pharmaceuticals am heutigen Freitag mit. 

Es wäre der erste zugelassene duale Orexin-Rezeptorantagonist in der EU. In den USA sind aus dieser Wirkstoffklasse bereits Suvorexant (Belsomra®) und Lemborexant (Dayvigo®) seit 2014 beziehungsweise 2019 auf dem Markt. Die Orexante wirken als Antagonisten an den Orexin-Rezeptoren OX1R und OX2R und haben damit einen neuen Wirkmechanismus unter den Schlafmitteln. Sie verhindern, dass die natürlichen Neuropeptide Orexin A und B an sie binden, die dadurch einen Wachreiz auslösen. Zudem sind sie an der Appetitregulation beteiligt (kataboler Effekt). Die Orexante als Antagonisten wirken somit schlaffördernd. Laut Hersteller soll Daridorexant eine überaktive Wachheit verringern und nicht allgemein sedierend wirken sowie die Tagesaktivität verbessern. Bei Narkolepsie ist es allerdings kontraindiziert.

»Das Phase-III-Programm mit Daridorexant war das erste, das die Auswirkungen der medikamentösen Behandlung auf alle Aspekte der Erkrankung, einschließlich der von Patienten wahrgenommenen Tagesaktivität, umfassend gemessen hat«, betont einer der Studienautoren, Professor Dr. Ingo Fietze von der Charité Berlin. »Die Ergebnisse zeigten, dass Daridorexant nicht nur den Schlafbeginn, das Durchschlafen und die Gesamtschlafdauer bei Erwachsenen mit insomnischer Störung signifikant verbesserte, sondern auch die Tagesaktivität der Patienten, bei einem günstigen Sicherheitsprofil.« Es seien keine Rebound-Effekte nach Absetzen, Entzugserscheinungen oder Auswirkungen am Folgetag festgestellt worden. Vermutlich bestehe auch kein Abhängigkeitsrisiko.

Häufigste Nebenwirkungen laut US-amerikanischer Packungsbeilage sind Kopfschmerzen, Schläfrigkeit und Müdigkeit. Es können allerdings auch schwere unerwünschte Effekte auftreten wie eine Beeinträchtigung der Koordination, eine Verschlechterung von Depressionen und suizidalen Gedanken, kurze Paralysen oder Halluzinationen beim Einschlafen und Aufwachen sowie Schlafwandeln und andere Tätigkeiten, während der Schlafphase.

Das Phase-III-Studienprogramm mit insgesamt rund 1850 Patienten umfasst zwei Studien über drei Monate sowie eine Langzeitverlängerungsstudie. Etwa 40 Prozent der Probanden waren mindestens 65 Jahre alt. Die Ergebnisse wurden vor Kurzem in »The Lancet Neurology« veröffentlicht. Daridorexant 25 mg und 50 mg verbesserten die Schlafergebnisse und Daridorexant 50 mg darüber hinaus die Tagesaktivität g gegenüber einer Placebobehandlung, so das Fazit. Dabei wurden die Probanden sowohl im Schlaflabor beobachtet als auch zu Schlafzeiten und -qualität sowie dem Erleben am Tag befragt.

Die empfohlene Dosierung der Tabletten wird einmal täglich 50 mg 30 Minuten vor dem Schlafen gehen betragen, für spezielle Patientengruppen, die bestimmte andere Medikamente einnehmen, soll es eine 25-mg-Variante geben.  Da Daridorexant ein Substrat von CYP3A4 ist, ist das Interaktionspotenzial groß.

Im Gegensatz zu den Benzodiazepinen und Z-Substanzen könnten sich die Orexante auch für die Langzeitbehandlung von Schlafstörungen eignen. Derzeit werden in den zulassungsrelevanten Studien für Daridorexant noch Daten für eine kontinuierliche Behandlung von bis zu zwölf Monate gesammelt.

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