| Paulina Kamm |
| 08.07.2026 16:15 Uhr |
Die Referentinnen von links: Loes E. Visser, Christine Heading, Anne Lewerenz (Moderatorin), Professorin Martina Hahn und Elena Cremenescu. / © Antonie Marqwardt
Das zwanzisgte Europäische Pharmazeutinnen Treffen (EWPM) fand im Rahmen des Symposiums »Starke Frauen gestalten die Zukunft« statt. Christine Heading, Pharmazeutin im Ruhestand aus London, ist eine dieser »starken Frauen« und referierte zumThema »Suffrage and women’s rights in the UK: a pharmacy perspective«. Hierfür beleuchtete sie drei Perspektiven; Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft.
Frauenrechte seien keine Selbstverständlichkeit, sie wurden nicht gegeben, sondern erkämpft und wurden im Laufe der englischen Geschichte zum Teil wieder entzogen. Heading untermauerte mit Beispielen aus den letzten 150 Jahren: »So mussten Frauen, die im Krieg gearbeitet hatten, Platz machen für Heimkehrer, verheiratete Frauen wurden zum Beispiel in Banken und im öffentlichen Dienst zurückhaltend eingestellt«, heißt es in einer entsprechenden Pressemitteilung.
1905 fand sich demnach die National Association of Women Pharmacists (NAWP) zusammen, um in Pharmazie und Gesellschaft Frauenrechte zu fordern. Bereits ab 1878 durften Pharmazeutinnen Mitglieder der Royal Pharmaceutical Society (RPS) werden. Vierzig Jahre später, ergo erst 1918, wurden erstmalig zwei Frauen als Vorständinnen der Standesvertretung zugelassen.
Die Expertin Heading mahnte, dass der Kampf für Frauenrechte längst nicht vorbei sei. Frauen hielt sie an, aufmerksam zu sein, wenn sie Diskriminierung erfahren oder beobachten. Beispiele hierfür seien Arbeitsplatzverlust in Schwangerschaft oder Mutterschutz und ausgewählte Abtreibungen von weiblichen Föten.
Für die Zukunft schreibt demnach Julia Dippner-Kocyba, Vorstandsmitglied der Apothekerkammer Berlin (AK Berlin), Apothekerinnen die Rolle der »Architektinnen von Innovationen im Arzneimittelbereich« zu. »In 100 Jahren könnten wir erinnert werden als Frauen, die geholfen haben, die Zukunft zu gestalten.«
Professorin Martina Hahn bot Einblicke in ihren eigenen Karriereweg. Hahn rückte die Bedeutung weiblicher Netzwerke und Unterstützungssysteme für die Karriere von Frauen in der Pharmazie in den Vordergrund. Die klinische Pharmazie in Deutschland zu erlernen und dazu Forschung zu betreiben, sei eine Herausforderung für Hahn gewesen. Als Pharmazeutin verschiedenste Arbeitsbereiche auszuprobieren empfand sie hingegen als Chance.
Durch ein Netzwerk mit erfahrenen Pharmazeutinnen sah Hahn die Möglichkeit, klinische Pharmazie an der Universität Florida zu studieren. Später konnte sie eine Studie auf einer psychiatrischen Station in einem Krankenhaus für ihre Promotion zu nutzen. »Gefördert und zum Erfolg geführt wurde die Implementierung des ›Eichberger Modells‹ durch die weibliche Leitung eines psychiatrischen Krankenhauses«, heißt es in der Mitteilung. Als verletzend habe sie »den existierenden Sexismus« im Krankenhaus empfunden.
Hahns Fazit war, dass Frauen bis heute unterschätzt werden und statt echter Unterstützung meist mehr oder weniger gut gemeinte Ratschläge erhalten. Sie müssten immer noch härter und länger für ihre Karrieren arbeiten. Deshalb halte sie die Sichtbarmachung weiblicher Vorbilder und erfolgreicher Frauen für essenziell.
Weibliche Netzwerke seien hierfür notwendig, um Chancen zu entdecken und Erfolge zu erzielen.
Die niederländische Krankenhausapothekerin vom Lehrkrankenhaus Haga Ziekenhuis Loes E. Visser referierte über den Einbezug geschlechtsspezifischer Unterschiede in die klinische Pharmazie. »Während in Deutschland die klinische Pharmazie noch in den Kinderschuhen steckt, scheint in den Niederlanden diese Forschung fortgeschritten zu sein«, heißt es in der Mitteilung. Die Verbindlichkeit für geschlechtsspezifische Forschung resultiere aus der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben.
Doch die Praxis und Realität liegen weit weg vom legislativen Raum: Frauen sind demnach in Phase 1 Studien weiterhin unterrepräsentiert und hinsichtlich Altarzneimitteln finde keine Überprüfung auf geschlechtsspezifische Unterschiede statt. Auch Leitlinien oder Packungsbeilagen werden trotz belegter Unterschiede in Nebenwirkungen und Effektivität bei Männern und Frauen nicht aktualisiert. Optimierungsbedarf bestehe zusätzlich bei Datenbanken, die bisher nicht auf Geschlechtsunterschiede bei der Medikamentenwirkung, Nebenwirkungen und Behandlungsergebnisse hinweisen.
Ein Ende fand das Treffen der Pharmazeutinnen aus fünf Europäischen Ländern mit einem Exkurs in die Kosmetikindustrie in Rumänien. Elena Cremenescu schilderte in ihrem Vortrag Einblicke in ihren Werdegang als Unternehmerin eines Kosmetik-Unternehmens. Das EWPM 2027 wird passend dazu in Rumänien, Bukarest, stattfinden.