| Kerstin A. Gräfe |
| 01.04.2026 07:00 Uhr |
Donidalorsen blockiert als Antisense-Oligonukleotid die Präkallikrein-mRNA in der Leber und verhindert die übermäßige Bradykininbildung, die HAE-Anfälle auslöst. / © Adobe Stock/Matthieu Louis
Das hereditäre Angioödem (HAE) ist eine seltene, chronische und potenziell lebensbedrohliche genetische Erkrankung, von der in Europa etwa 15.000 Menschen betroffen sind. Gekennzeichnet ist sie durch wiederkehrende Attacken mit rasch auftretenden Schwellungen, die Haut, Schleimhäute, Gastrointestinaltrakt oder Atemwege betreffen können. Ursächlich ist ein Mangel oder eine Funktionsstörung des C1-Esterase-Inhibitors (C1-INH). In der Folge wird das Kallikrein-Kinin-System übermäßig aktiviert, wodurch vermehrt Bradykinin gebildet wird. Das Gewebshormon erhöht die Gefäßpermeabilität und verursacht die charakteristischen Schwellungsattacken.
Donidalorsen ist ein Liganden-konjugiertes Antisense-Oligonukleotid. Es bindet spezifisch an die mRNA von Präkallikrein und vermittelt darüber deren Abbau durch das Enzym RNase-H1. Dadurch werden weniger Präkallikrein, folglich auch weniger Kallikrein und letztlich weniger Bradykinin produziert.
Donidalorsen (Dawnzera® 80 mg Injektionslösung im Fertigpen, Otsuka Pharmaceuticals) ist zugelassen zur routinemäßigen Vorbeugung von wiederkehrenden HAE-Attacken bei Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf Jahren.
Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 80 mg Donidalorsen als subkutane Injektion einmal monatlich. Das Dosierungsintervall kann auf zwei Monate verlängert werden, wenn der Patient unter der Therapie mindestens drei Monate lang gut kontrolliert ist.
Dawnzera wird subkutan in den Bauch, den oberen Oberschenkel oder von einer Betreuungsperson in die Rückseite des Oberarms injiziert. Die Injektionsstelle sollte regelmäßig gewechselt werden. Das Mittel darf nicht in Bereiche injiziert werden, in denen die Haut Blutergüsse aufweist, empfindlich, gerötet, verhärtet oder entzündet ist. Nach entsprechender Schulung kann die Injektion durch den Patienten selbst oder eine Betreuungsperson erfolgen.
Unter der Behandlung mit Donidalorsen wurden Überempfindlichkeitsreaktionen, einschließlich Anaphylaxie, beobachtet. Bei einer schweren Reaktion muss die Verabreichung sofort beendet und eine geeignete medizinische Behandlung eingeleitet werden. Patienten sollten über mögliche Anzeichen und Symptome von Überempfindlichkeitsreaktionen aufgeklärt werden. Bei Auftreten entsprechender Beschwerden ist unverzüglich ein Arzt aufzusuchen und die Anwendung des Arzneimittels zu beenden.
Donidalorsen ist nicht zur Behandlung von akuten Attacken des hereditären Angioödems vorgesehen. Bei einer Durchbruchattacke sollte eine individualisierte Therapie mit einem Notfallmedikament eingeleitet werden.
Aus Vorsichtsgründen sollte das Präparat bei Schwangeren nicht angewendet werden. Bei Stillenden ist zu entscheiden, ob das Stillen unterbrochen oder auf die Behandlung verzichtet beziehungsweise die Behandlung unterbrochen werden soll.
Die Wirksamkeit und Sicherheit von Donidalorsen wurden in der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie OASIS-HAE mit 90 Patienten ab zwölf Jahren untersucht. Die Teilnehmenden erhielten 80 mg Donidalorsen oder Placebo, entweder alle vier Wochen (n = 45) oder alle acht Wochen (n = 23). Die beiden mit Placebo behandelten Gruppen wurden für die Analyse zusammengefasst (n = 22). Als primärer Endpunkt war die Attackenhäufigkeit pro vier Wochen über einen Zeitraum von 24 Wochen definiert.
Die Attackenhäufigkeit betrug unter Donidalorsen alle vier Wochen durchschnittlich 0,44, unter Verum alle acht Wochen durchschnittlich 1,02 und unter Placebo durchschnittlich 2,26. Das entspricht einer Reduktion der monatlichen Attackenrate um 81 Prozent in der vierwöchentlichen Dosierung und um 55 Prozent in der achtwöchentlichen Dosierung im Vergleich zu Placebo.
Als häufige Nebenwirkungen wurden Reaktionen an der Injektionsstelle sowie erhöhte Leberenzymwerte beobachtet.
Donidalorsen ist ein weiterer Wirkstoff zur Behandlung und Prophylaxe von Attacken des hereditären Angioödems (HAE). Ähnlich wie Lanadelumab und Berotralstat sorgt auch Donidalorsen dafür, dass letztlich weniger Plasmakallikrein produziert wird, was zu weniger Bradykinin und zur Verhinderung von Ödemattacken führt. Donidalorsen verfolgt aber einen neuen Ansatz und kann somit vorläufig als Schrittinnovation eingestuft werden: Das Antisense-Oligonukleotid zielt auf die mRNA von Präkallikrein ab. Wird weniger Präkallikrein produziert, entsteht im Folgenden auch weniger Plasmakallikrein.
Ein Vorteil ergibt sich aus dem Applikationsschema. Während Lanadelumab alle zwei Wochen, gegebenenfalls alle vier Wochen, subkutan zu spritzen ist, muss Donidalorsen nur alle vier Wochen, später gegebenenfalls nur alle acht Wochen, appliziert werden. Dafür punktet Lanadelumab aber im Einsatzgebiet: Es darf schon bei Patienten ab zwei Jahren zum Einsatz kommen, Donidalorsen und Berotralstat erst ab zwölf Jahren.
Ein direkter Vergleich von Donidalorsen mit Lanadelumab wäre wünschenswert. Die Zulassungsstudie mit Donidalorsen zeigt, dass das Antisense-Oligonukleotid die Häufigkeit von HAE-Attacken signifikant reduzieren kann. Das ist für Lanadelumab aber auch belegt. Bislang ist kein großer Unterschied zwischen den beiden Pharmaka erkennbar, was am Ende auch an dem ähnlichen Wirkprinzip liegen dürfte.
Sven Siebenand, Chefredakteur