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Dingermanns kritischer Blick auf die Pandemie

In der aktuellen Pandemie stünde Deutschland im internationalen Vergleich bislang noch recht gut da, sagte Dingermann. Es könne aber seinen Vorsprung verlieren, denn derzeit wüte das Virus in Deutschland. Die Verdoppelung der Sterberate erfolge alle 32 Tage. Und auch die Übersterblichkeit liege nach aktuellen Angaben recht hoch: In der 50. Kalenderwoche 2020 betrug sie dem Statistischen Bundesamt zufolge bundesweit 23 Prozent mehr als der Durchschnitt der vier Vorjahre. Um Infektions- und Todeszahlen zu reduzieren, wurde eine Reihe von Maßnahmen eingeführt. Doch welche sind wie sinnvoll?

Dingermann stellte hierzu eine Studie vor, die im Dezember 2020 im Fachjournal »Science« erschienen war (DOI: 10.1126/science.abd9338). Darin hatte ein Team der Universität Oxford berechnet, um welchen Wert einzelne Distanzierungsmaßnahmen den Reproduktionswert (R-Wert) drücken konnten. »Hier gab es Champions«, sagte der Pharmazeut. Am effektivsten war die Maßnahme, Treffen von Menschen auf eine Zahl von 10 zu begrenzen. Auf Platz zwei liegen schon Universitäts- und Schulschließungen, »eine problematische, aber sehr effektive Maßnahme«, so Dingermann. Als weniger effizient erwiesen sich Schließungen von Teilen der Geschäfte und zusätzliche Aufrufe an die Bevölkerung, möglichst zu Hause zu bleiben. In dieser Hinsicht könne man die Schutzstrategie noch einmal überdenken, sagte Dingermann.

Wo bleiben die Wirkstoffe?

Seit deutlich wurde, dass das SARS-Coronavirus-2 sich weltweit ausbreitet, wird auch an Wirkstoffen zur Therapie gearbeitet. Dabei gebe es prinzipiell zwei Ansätze, berichtete Dingermann. In der ersten Phase der Erkrankung spreche das Virus auf antivirale Substanzen an, doch in der zweiten, durch Immunreaktionen auf das Virus geprägten Phase könnten diese nur wenig ausrichten und es würden vielmehr immunmodulatorische Substanzen benötigt.

Viele bereits bekannte Wirkstoffe wurden auf ihre Wirksamkeit untersucht, die meisten sind gescheitert, mit den Ausnahmen Remdesivir und Dexamethason. Der Repurposing-Ansatz sei die falsche Strategie gewesen, stellte Dingermann fest. »Das Virus verlangt anscheinend nach spezifischen Wirkstoffen.« An diesen wird seit Aufklärung der molekularen Struktur der wichtigsten zwei Proteine des SARS-Coronavirus-2, der Protease und der RNA-Polymerase, intensiv gearbeitet. Wünschenswert wäre eine erfolgreiche Entwicklung von antiviralen Wirkstoffen, wie man sie in den letzten Jahren beim Hepatitis-C-Virus erlebt hat.

Deutlich schneller war die Entwicklung von Impfstoffen. Die erste Studie mit einer Covid-19-Vakzine begann sogar schon am 16. März. Das US-Unternehmen Moderna prüfte in dieser eine mRNA-Vakzine. »Darunter konnten sich damals die wenigsten etwas vorstellen«, sagte Dingermann. Bald wurde deutlich, dass eine große Bandbreite an verschiedenen Impfstofftechnologien gegen den neuen Erreger entwickelt wurden, wobei die moderneren Ansätze mRNA- und Vektorimpfstoffe die Nase vorn hatten. Inzwischen sind zwei mRNA-Vakzinen in der EU zugelassen, in Großbritannien auch schon der erste Vektorimpfstoff. »Im Nachhinein kann man sagen: Das ist sensationell, was da passiert ist«, so Dingermann.

Die Aufzeichnung des Vortrags und der Laudationen sind auf der Website der von Pharma4u unter diesem Link zu finden. 

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