| Lukas Brockfeld |
| 07.10.2026 15:05 Uhr |
Dave Ricks, der CEO von Eli Lilly, kritisiert die deutsche Pharmapolitik. Hier ist er 2024 beim ersten Spatenstich für den neuen Standort des Pharmaunternehmens in Alzey zu sehen. / © Imago/Bobo
Im Sommer sorgte der US-Pharmakonzern Eli Lilly für Aufsehen, als er seine Entscheidung bekannt gab, milliardenschwere Investitionen in einen neuen Produktionsstandort in Rheinland-Pfalz zu streichen. Das Unternehmen begründete den Schritt damals mit den Sparplänen der Bundesregierung. Eli-Lilly-CEO Dave Ricks bezeichnete diese als »schreckliches Signal« und warnte: »Deutschland wird bei der Unterstützung unserer Industrie auf den letzten Platz der europäischen Märkte fallen.«
Vergangene Woche legte Ricks in einem ausführlichen Interview mit dem »Handelsblatt« nach. Er warf der Bundesregierung vor, ihre Versprechen gebrochen zu haben, und erklärte, dass sein Vertrauen »zerstört« sei.
»Deutschland war nach meiner Erfahrung immer ein sehr verlässlicher Partner. Wir haben in Alzey investiert, weil die Vorgängerregierung einen Plan vorgelegt hatte, Deutschland zum attraktivsten Investitionsstandort Europas zu machen. Darauf habe ich mich verlassen – doch dieses Versprechen wurde gebrochen«, erklärte der Eli-Lilly-Chef. Verglichen mit anderen Branchen sei Deutschland die Pharmaindustrie nicht wichtig.
Die geplante Standortklausel und der damit einhergehende reduzierte Herstellerabschlag reichten nicht aus, um diesen Eindruck zu ändern. Die Bundesregierung solle die »Zwangsrabatte« komplett abschaffen und sicherstellen, dass künftig etwa 0,6 Prozent der Wirtschaftsleistung für Medikamente ausgegeben werden. Andernfalls drohten die Bundesrepublik und ganz Europa, von China und den USA abgehängt zu werden. »Als ich in der Branche anfing, war Europa führend in der Pharmaindustrie, heute nicht mehr. Dafür war nicht Pech verantwortlich, sondern schlechte Politik«, sagte Ricks zum Handelsblatt. Europa müsse dazu bereit sein, einen »fairen Anteil« an den weltweiten Investitionen zu leisten.
Den Hinweis, dass die Ausgaben der Krankenkassen schon heute aus dem Ruder laufen, wollte der Eli-Lilly-Chef nicht gelten lassen: »Die Geschichte der Pharmabranche ist ein Tauziehen: Wer gewinnt gerade? Ich glaube, dieser Ansatz hat maßgeblich zur deutschen Gesundheitsreform geführt: Wir ziehen das Seil auf unsere Seite. Anstatt zu fragen: Welche Chance haben wir, die Gesundheit unseres Landes oder unseres Planeten zu verändern? Das ist eine andere Denkweise.«
Dave Ricks äußerte sich im Handelsblatt-Interview auch zur Zukunft seines Unternehmens. Aktuell stammen zwei Drittel des Umsatzes von Eli Lilly aus Abnehmmitteln, deren Patente zu Beginn des kommenden Jahrzehnts auslaufen. Daher arbeitet der Pharmakonzern an einer Diversifizierung seines Portfolios. So arbeite man an vielen neuen Krebsmedikamenten und investiere stark in das Thema Frauengesundheit.
Die kürzlich erfolgte Übernahme des Psychedelika-Unternehmens Atai Beckley hat Eli Lilly viel Aufmerksamkeit beschert. Dave Ricks verspricht sich viel von dieser Investition: »Wir fangen mit therapieresistenten Depressionen an, aber uns interessieren auch andere psychische Erkrankungen. In Verbindung mit einer Therapie und richtig dosiert können diese Wirkstoffe bei schweren psychischen Erkrankungen eine tiefgreifende Wirkung haben. Es gibt gerade eine psychedelische Revolution«, so der Eli-Lilly-Chef zum Handelsblatt.