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KI, Biomarker und Gentherapien
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Die Medizin der Zukunft

In der Medizin vollzieht sich gerade ein grundlegender Wandel weg von der Therapie bereits eingetretener Organschäden und hin zu deren möglichst frühzeitiger Vorhersage und Verhinderung. Ein aktueller Beitrag im »Wall Street Journal« skizziert kommende Entwicklungen.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 03.07.2026  13:00 Uhr

Es sind aktuelle Überlegungen, die auch von deutschen Politikern und Gesundheitsexperten geäußert werden: dass es Zeit wird für eine Medizin, die biologische Alterungsprozesse einzelner Organe überwacht und individuelle Krankheitsrisiken erkennt, lange bevor klinische Symptome auftreten. Das steht im krassen Gegensatz zu der aktuellen Situation, in der die meisten chronischen Alterskrankheiten, darunter Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Arthrose, erst diagnostiziert werden, wenn pathologische Prozesse bereits über Jahre oder Jahrzehnte fortgeschritten sind.

Prävention werde, so der Leitgedanke des Artikels, zu einer datenbasierten, kontinuierlichen medizinischen Disziplin statt zu einer Sammlung allgemeiner Lebensstilratschläge. Möglich werden soll dies durch die Kombination aus molekularen Biomarkern, Künstlicher Intelligenz, Genomik, RNA-Technologien, regenerativer Medizin und zunehmend personalisierten Arzneimitteln.

Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen

Besonders ausführlich widmet sich der Beitrag der Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen. Bluttests könnten künftig nicht nur genetische Risikokonstellationen wie APOE-Genvarianten identifizieren, sondern mithilfe von Biomarkern wie phosphoryliertem Tau217, einer ganz bestimmten phosphorylierten Form der Tau-Ablagerungen bei Alzheimer-Patienten, auch den Beginn pathologischer Prozesse anzeigen.

Noch wichtiger erscheint jedoch die Frage, ob sich diese Biomarker therapeutisch beeinflussen lassen. Hierzu werden derzeit große randomisierte Studien vorbereitet, in denen untersucht werden soll, ob Bewegung, Schlafoptimierung oder andere Lebensstilinterventionen den p-Tau217-Spiegel senken und dadurch das Demenzrisiko reduzieren können.

Parallel wächst das Interesse an GLP-1-Rezeptoragonisten. Beobachtungsstudien und Metaanalysen weisen bereits auf ein reduziertes Demenzrisiko unter Semaglutid hin, auch wenn prospektive Interventionsstudien bislang noch keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Entscheidend könnte sein, solche Therapien bereits in präsymptomatischen Stadien einzusetzen.

Schwerpunkt Kardiologie

Auch die Kardiologie steht nach Ansicht der Autoren vor einem Paradigmenwechsel. Die Risikostratifizierung soll künftig nicht mehr ausschließlich auf klassischen Laborparametern beruhen, sondern durch KI-gestützte Auswertung verschiedener Untersuchungen ergänzt werden.

Mammografien könnten zufällig Gefäßverkalkungen sichtbar machen, Augenuntersuchungen mikrovaskuläre Veränderungen erkennen und lernende Algorithmen selbst aus Routine-EKG-Aufnahmen Hinweise auf eine Jahre später drohende Herzinsuffizienz ableiten.

Parallel entstehen neue Therapiekonzepte. RNA-basierte Medikamente sollen Blutdruck oder Cholesterol mit halbjährlichen Injektionen kontrollieren, während CRISPR-basierte Geneditierungen krankheitsfördernde Gene dauerhaft ausschalten könnten.

Besonders aufmerksam verfolgt wird zudem die Entwicklung rund um Lipoprotein(a), einen genetisch determinierten Risikofaktor, für den bislang keine spezifische Therapie existiert. Sollte Pelacarsen klinisch überzeugen, wäre erstmals eine gezielte Behandlung dieses häufigen Risikofaktors möglich.

Hoffnung in der Onkologie

Im Bereich der Onkologie beschreibt der Artikel vor allem Fortschritte bei der sogenannten Minimal Residual Disease (MRD). Bluttests auf zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) könnten mikroskopische Tumorreste bereits Monate oder Jahre vor einer bildgebenden Diagnostik nachweisen. Dadurch eröffnet sich ein neues therapeutisches Zeitfenster, in dem Rückfälle behandelt werden können, bevor sie klinisch manifest werden.

Erste Studien kombinieren diese molekulare Überwachung bereits mit Inkretinmimetika wie Tirzepatid. Die Hypothese lautet, dass Gewichtsreduktion, verbesserte Insulinsensitivität und eine Verringerung chronischer Entzündungen ein ungünstiges Milieu für verbliebene Tumorzellen schaffen und damit Rezidive verhindern könnten. Noch handelt es sich um frühe Forschungsansätze, sie illustrieren jedoch die zunehmende Verknüpfung metabolischer und onkologischer Therapiekonzepte.

Das Darmmikrobiom

Ein weiteres Zukunftsfeld sieht der Beitrag im Darmmikrobiom. Die Bedeutung der Darmflora reicht nach heutiger Vorstellung weit über gastroenterologische Erkrankungen hinaus. Immunfunktion, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System sowie neurodegenerative und psychiatrische Erkrankungen scheinen teilweise durch Veränderungen des Mikrobioms beeinflusst zu werden.

Entsprechend entwickeln zahlreiche Forschungsgruppen neue mikrobiombasierte Therapeutika, die deutlich präziser wirken sollen als heutige Probiotika. Erste Studien liefern Hinweise auf Verbesserungen bei Parkinson-Symptomen oder Zusammenhänge zwischen Ernährung, Darmbakterien und Depressionen. Die Autoren sehen den Darm künftig als zentrales diagnostisches und therapeutisches Organ der Präzisionsmedizin.

Auch in der Orthopädie zeichnet sich ein grundlegender Strategiewechsel ab. Anstelle des klassischen Gelenkersatzes verfolgen zahlreiche Forschungsprogramme regenerative Ansätze, bei denen Knorpel- und Knochengewebe neu aufgebaut werden sollen. Bereits laufende klinische Studien testen aus patienteneigenen Nasenknorpelzellen gezüchtete Knorpelimplantate für Kniegelenke. Parallel entwickeln US-amerikanische Forschungsgruppen injizierbare regenerative Zell- und Biomaterialtherapien sowie Verfahren, mit denen künftig ganze Gelenkstrukturen aus patienteneigenen oder Spenderzellen rekonstruiert werden könnten. Ziel ist es, Arthrose nicht länger lediglich symptomatisch zu behandeln, sondern strukturell rückgängig zu machen.

Insgesamt vermittelt der Beitrag ein konsistentes Bild einer Medizin, in der Biomarker, Genetik, Künstliche Intelligenz und regenerative Verfahren zunehmend miteinander verschmelzen. Die entscheidende Innovation liegt dabei weniger in einzelnen Technologien als in ihrem gemeinsamen Einsatz: Krankheiten sollen früher erkannt, biologische Alterungsprozesse kontinuierlich überwacht und Interventionen individuell auf molekulare Risikoprofile abgestimmt werden.

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