| Alexander Müller |
| 23.09.2026 16:25 Uhr |
Beim OTC-Summit von Pharma Deutschland wurde über die Rolle der Selbstmedikation in der Versorgung diskutiert / © Pharma Deutschland
Unter dem Titel »Selbstverständlich Selbstmedikation« hatte der Verband Pharma Deutschland zum OTC-Summit nach Berlin geladen. In seiner einleitenden Keynote monierte der Wirtschaftsethiker Stefan Heinemann den Begriff »Selbstmedikation« als etwas schwer zu fassen und schlug als Alternative »Entwicklung von Gesundheitssouveränität« vor.
Darüber diskutierten anschließend ABDA-Vizepräsidentin Ina Lucas, Christine Neumann-Grutzeck, Präsidentin des BDI und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Nikola Haaks, stellvertretende Chefredakteurin der Brigitte, Traugott Ullrich, stellvertretender Vorstandsvorsitzender Pharma Deutschland, sowie Walter Pechmann, Senior Director bei YouGov.
Pechmann hatte Zahlen zu den aktuellen Markttrends mitgebracht. Der Markt der Selbstmedikation – OTC und Freiwahl – habe insgesamt eine ordentliche Dynamik, nur die Apotheke vor Ort falle angesichts steigender Onlinekonkurrenz etwas ab. Das liege auch am Image der Selbstmedikation, die Apotheke sei ein bisschen wie eine Autowerkstatt: »Es muss sein, aber ich will da kein Geld ausgeben.« Sein Wunsch: »Apotheke muss mehr werden als eine Reparaturstelle.«
Für ABDA-Vize Lucas ist sie das schon heute längst: Gerade verunsicherte Menschen – und das seien seit der Pandemie mehr geworden – müssten in der Apotheke begleitet werden. Mit Blick auf den aktuellen Ärger mit der Ärzteschaft räumte Lucas ein, dass die Kommunikation über neue Aufgaben der Apotheken nicht immer glücklich gelaufen sei. Sie sei sich aber sicher, dass ihre Kolleginnen und Kollegen immer wüssten, wann sie einen Patienten in die Praxis schicken müssen. Nötig seien jetzt gute »Pfadbeschreibungen«, damit die Patienten gut gesteuert werden können.
Laut BÄK-Vize Neumann-Grutzeck sieht die Ärzteschaft die Selbstmedikation durchaus differenziert: Leichte Erkrankungen seien gut in der Apotheke aufgehoben, gerade bei anhaltenden Beschwerden sei aber eine rechtzeitige Diagnostik notwendig. Auf jeden Fall sieht die Ärztin die Selbstmedikation nicht in Drogeriemärkten, sondern in der Apotheke, denn die Beratung gehöre bei OTC dazu.
Neumann-Grutzeck schaut mit Sorge auf die sinkende Gesundheitskompetenz, hier sieht die Ärztin Nachholbedarf. »Es nützt nichts, wenn wir weitere Pillen schlucken und nicht bei Ernährung und Bewegung anfangen.« Dem pflichteten Lucas und Ullrich bei, die sich beide ein Schulfach Gesundheit wünschen würden.
Journalistin Haaks stellte fest, dass sich gerade in Frauenzeitschriften im Bereich Selfcare unheimlich viel getan habe in den vergangenen zehn Jahren. Damit sei auch das Bedürfnis der Leserinnen nach dem Thema gestiegen. »Frauen zwischen 30 und 50 haben gar keine Zeit, zum Arzt zu gehen, die gehen in die Apotheke«, so Haaks.
Ullrich von Pharma Deutschland betonte, dass auch die Industrie nicht Umsatz um jeden Preis anstrebe. Hersteller profitierten demnach von der guten Beratung in der Apotheke: Nur zufriedene Kunden seien für den Nachkauf zu aktivieren. Er würde sich wissenschaftliche Belege dafür wünschen, dass die Beratung in der Apotheke die Wirksamkeit der Arzneimittel verbessert. Dieser großen Herausforderung sollten sich Industrie und Apotheke gemeinsam stellen. Pechmann verwies auf Störgrößen, die eine solche Erhebung erschwerten.
Und der Wirtschaftsethiker verwies abschließend auf die neue »Konkurrenz«, da sich die Menschen eine Ersteinschätzung immer öfter von der KI besorgen würden. Vernünftig gemacht könne das sogar zur Entlastung des Systems führen, schlecht gemacht hätte man einfach nur eine Komplexitätsstufe mehr. Dann wüssten die Leute gar nicht mehr, ob sie mit einem Problem in die Praxis oder in die Apotheke gehen sollten, sondern würden zuerst ihre KI fragen.